Orgie im Menschenlabor

Parallel zur EM-Eröffnung gab es am Hans Otto Theater in der vergangenen Woche die Premiere von „Schöne neue Welt“. Das klingt erstmal nach Schullektüre in der Landeshauptstadt. Doch man sollte sich nicht täuschen: Das Regieteam um Alexander Nerlich hat einen an- und aufregenden Theaterabend geschaffen.

Foto: Red roof / fake color | Andreas LeversCC BY 2.0

Kurz vor Schluss ärgert man sich fast ein wenig. Als die tolle, anregende Inszenierung von „Schöne neue Welt“ am Potsdamer Hans Otto Theater schon fast vorbei ist, wird in einem Dialog erklärt, wie es überhaupt zu diesem unsäglichen sterilen Weltstaat gekommen ist, was seine Regeln sind, und warum man glaubt, dass „Soma, Spiele und unbegrenztes Kopulieren“ besser sind als „Krankheiten, Tod, Leidenschaften und Alter“. Das übernimmt zwar der überzeugende Mustapha Mond (Bernd Geilig). Es bleibt aber ein langes, mitunter längliches Erklärstück. Die Inszenierung geht Aldous Huxley da ein wenig auf den Leim. Denn einerseits gehört sein Roman „Schöne neue Welt“ zum kulturellen Repertoire der westlichen Welt. Andererseits ist alles Wichtige, was Mond zu berichten hat, bereits zuvor gezeigt worden. Und zwar furios.

Der Roman „Schöne neue Welt“ ist seit seiner Entstehung vor bald drei Generationen weniger große Literatur als vielmehr ein interessantes Gedankenspiel. Statt Poesie liefert Huxley Denkmaterial, und das Potsdamer Regieteam um Alexander Nerlich war gut beraten, die künstlerischen Lücken, die der Brite lässt, durch alle Mittel der Darstellenden Künste aufzufüllen.

Zwei Welten, Rücken an Rücken

Das beginnt schon nach dem Einlass. Statt der einen schönen neuen Welt gibt es in Potsdam zwei Welten. Der Zufall entscheidet, wo man zuerst landet. Steht auf der Eintrittskarte „links“, ist es die Alte. Steht dort rechts, geht’s in die Neue Welt. Anschließend werden beide Welten Rücken an Rücken verhandelt. Der eiserne Vorhang trennt sie, und man kann nur ahnen, was hinter 
der Wand aus Metall stattfindet.

In der Alten Welt ist es zunächst eklig: Theaternebel und das Summen von Fliegen erfüllen den Zuschauerraum; auf der Bühne, mitten im Dreck, liegt ein Mann (Eddie Irle); hinter ihm steht ein alter, blauer VW Polo. Auch ohne den Vanitas-Altar mit Totenschädel und Kerzen wäre ziemlich klar, dass hier Verwesung stattfinden soll. Doch tut sie das auch? Der Mann, er heißt John und sieht ziemlich verwahrlost aus, zitiert immerhin Shakespeare. Und gemeinsam mit seiner Mutter Linda (Melanie Straub) erläutert er, dass er hier falsch ist. Linda stammt von der anderen Seite, ist durch einen Zufall hier gelandet und hat John hier geboren. Sie ist bei den Wilden geblieben, auch wenn sie sich nie so recht eingelebt hat.

So ganz abgeriegelt ist dieser Kosmos aber nicht. Die Neue Welt ist nicht da, aber sie ist präsent. Und bedrohlich. Als unvermittelt Bernard Marx (Florian Schmidtke) und Lenina Crowne (Franziska Melzer), zwei Vertreter der Zivilisation, bei John und Linda auftauchen, werden die beiden erst zu richtigen Wilden gemacht. Zugleich sind immer wieder dröhnende Bässe von der anderen Seite zu hören.

„Du könntest wirklich promisker sein“

Was es damit auf sich hat, wird nach dem Seitenwechsel klar. Als die Alte Welt abgespielt ist, lädt Henry Foster (Michael Schrodt) die Zuschauer ein, die Neue kennenzulernen: bei einer Führung durch die Brutzentrale hinter dem eisernen Vorhang. In einem pink ausgeleuchteten Raum, der an Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker „A Clockwork Orange“ erinnert, herrscht klinische Sterilität. Statt Fliegengesumme gibt es Lounge-Music. Mittendrin befindet sich Soma – eine flirrende, völlig entmenschlichte Figur, quecksilbrig und lasziv gespielt von Luana Rossetti.

Den Zuschauern erläutern die Angestellten des Menschenlabors gut gelaunt ihre Arbeit, bevor sie mit ihrer Feierabend-Orgie beginnen. Als Lenina berichtet, dass sie vier Mal den selben Mann „genommen“ hat, wirft Fanny (Larissa Aimée Breidbach) ihr vor: „Du könntest wirklich promisker sein.“ Schließlich ist „Jeder gehört jedem“ einer der Slogans des Huxley’schen Weltstaates. Auf der Potsdamer Bühne wird er ernst genommen. Nicht umsonst empfiehlt das Theater die Inszenierung erst für Zuschauer ab 16 Jahre.

Mit Beginn der zweiten Hälfte werden beide Welten zusammengeführt und es kommt – natürlich! – zum Konflikt: Die Zivilisation hat erhebliche Mühe, John und Linda zu integrieren. Romantische Liebe steht gegen narzisstische Trieberfüllung. Johns Shakespeare-Monologe treffen auf sinnlosen Small-Talk. Davon bleiben beide Seiten nicht unberührt, was zu schönem Chaos auf der wiedervereinten Bühne führt, mitunter aber auch die beiden hochkonzentrierten Stränge aus der ersten Hälfte zerfasert.

Dennoch: Wie das Regie-Team aus Schullektüre einen klugen und fantasievollen Theaterabend macht, ist beachtlich. Deshalb ist es auch umso wichtiger, von einem Team zu sprechen. Neben Alexander Nerlich, dem Regisseur im eigentlichen Sinne, gehören Wolfgang Menardi (Bühne), Malte Preuß (Musik) und Anja Kozik (Choreografie) dazu. Ihr Zusammenspiel ermöglicht erst den krassen Kontrast zwischen der ruppig-romantischen Welt der Wilden und dem sterilen Zivilisationslabor, in dem alles zu fließen scheint. Schlüssig, organisch, geradezu virtuos greifen die Ebenen ineinander. Durch das Ausreizen aller inszenatorischen Mittel gelingt es, aus dem nicht besonders poetischen Roman ein Theaterkunstwerk zu machen. Nerlich, Menardi, Preuß und Kozik schöpfen dabei aus den Vollen.

Der Text erschien zuerst in der Märkischen Oderzeitung.

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