Wild und bonbonfarben

In Gdynia wurde „Sirenengesang“ (Córki Dancingu) 2015 als bestes Regiedebüt ausgezeichnet; beim Sundance Festival gab’s den Spezialpreis der Jury. Zeit also, dass das wilde Meerjungfrauen-Horror-Musical auch in Deutschland zu sehen ist. Zum Glück gibt’s ja Filmpolska.

Eine Gruppe Musiker steht am Strand der Weichsel und spielt Lieder. Warum sie das tut, ist nicht ganz klar, schließlich gehört die Band — wie man später erfährt — eigentlich in einen Warschauer Nachtklub. Viel wichtiger ist an dieser Stelle aber auch, dass ihre Musik unterbrochen wird: „Zieht uns heraus, fürchtet euch nicht“, singen zwei betörende Meerjungfrauen in den dunklen Wellen. „Wie werden euch schon nicht auffressen.“ Und während man als abgeklärter Zuschauer noch denkt: „Soso, nicht auffressen also, da ist ja schon klar, wo der Weg hinführt!“, landen die beiden Sirenen in jenem besagten Nachtklub, und der Film überrascht auch gleich mit der ersten Choreografie. Viele weitere werden folgen.

„Córki Dancingu“, der für den deutschen Markt mit dem lahmen Titel „Sirenengesang“ gestraft wurde, ist tatsächlich ein Film, der immer wieder überrascht. Das liegt zwar auch an seiner teils wenig plausiblen Handlung. Darüber lässt sich jedoch angesichts der Fülle an Farben, Liedern und Bezügen leicht hinwegsehen. Wer akzeptiert, dass zwei Meerjungfrauen aus der Weichsel steigen, der kann sich auch auf den Rest dieses eigen-, wie einzigartigen Films einlassen.

Es gibt nicht viele Regeln, an die sich Sirenen halten müssen —
Silber hält sich nichtmal an die wenigen

Das lohnt sich durchaus. Denn die beiden unwiderstehlichen Sirenen wollen jungen Männern die Herzen stehlen. Keineswegs im übertragenen Sinne: Sie ernähren sich von menschlichen Organen. Davon bekommen ihre Gastgeber, der Boss des Nachtklubs und seine Familie (fast alle bleiben namenlos) jedoch zunächst nicht viel mit. Für sie sind die Sirenen Silber und Gold eine Attraktion, die Gäste in den Achtzigerjahre-Klub zieht. Mit offenen Mündern staunen die Besucher über die Verwandlungen und den Gesang der Mädchen. Dass Gold in ihrer Freizeit am Stadtrand weiter auf Männerjagd geht, bleibt zunächst unbemerkt. Dass Silber sich in den Sohn des Bosses verliebt, sorgt jedoch für Ärger.

Denn Sirenen, so sind die Regeln in diesem Meerjungfrauen-Vampir-Musical, sollen sich nicht verlieben. Tun sie dies doch, darf ihr Angebeteter bloß keine andere heiraten. Sonst verwandeln sie sich vor dem Morgengrauen seiner Hochzeitsnacht in Meeresschaum. Wird Silber diesem Schicksal entkommen können?

Das ist nicht die richtige Frage. Denn vielmehr als von seinem Plot lebt „Sirenengesang“ von allem, was Regisseurin Agnieszka Smoczyńska um ihn herumstrickt. Das beginnt bei der bonbonbunten und trashigen Ausstattung und endet nicht bei den ausgefeilten Choreografien. Auch das Schauspielerinnen-Trio Marta Mazurek (als Silber), Michalina Olszańska (die bereits als tschechische Massenmörderin Olga Hepnarová brillierte, hier spielt sie Gold) und Kinga Preis (als Krysia) ist zu jedem Zeitpunkt sehenswert.

So bunt wie die Ausstattung des Films ist,
so reich ist er an Zitaten und Anspielungen

Damit das alles nicht allzu flach wird, reichert Smoczyńska ihren Film mit Zitaten aus der Filmgeschichte sowie aus der polnischen und antiken Literatur (und noch vielem mehr) an. So spielt sie nicht nur auf Homers „Odyssee“ an, sondern verweist in der entscheidenden Szene auch gekonnt auf das polnische Nationaldrama „Die Hochzeit“ (von Stanislaw Wyspianski geschrieben, von Andrzej Wajda verfilmt). Dass das nicht altklug oder verrätselt daherkommt, ist eine große Leistung: Wer die Zitate erkennt und versteht, der freut sich über ihren wilden und zeitgenössischen Einsatz. An wem sie vorbeigehen, der hat aber auch nichts verloren.

Und so sind es am Ende die filmischen Mittel, die „Sirenengesang“ zusammenhalten — viel mehr als es die zerfaserte Handlung je könnte. Doch mal ehrlich: Wer wird schon angesichts eines solchen Rausches von Schauspiel, Requisite, Kostümen, Gesang, Musik und dieser ganz eigenen Ästhetik nach der Plausbilität des Plots fragen? „Sirenengesang“ ist nicht weniger verführerisch als seine Heldinnen.

Termine:
22.04.2016, 20 Uhr, Babylon
23.04.2016, 20 Uhr, FSK Kino am Oranienplatz
24.04.2016, 20.30 Uhr, Bundesplatz-Kino

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