Mit Roussel im Karussell

Eine Warnung vorneweg: Wer generell meint, dass zum Theater die Guckkastenbühne mit Vierter Wand zwischen Bühne und Zuschauerraum gehört, der ist bei „Locus Solus“ von vornherein verkehrt. Eine solche Trennung kann es hier auch nicht geben. Denn in Krzysztof Garbaczewskis Inszenierung an der Volksbühne sitzt das Publikum in der Mitte — was vielleicht schon die spannendste Idee an der Inszenierung des polnischen Regisseurs ist.

Die Stuhlreihen stehen hinter dem Eisernen Vorhang auf der Drehbühne selbst. Und die Zuschauer – sie sitzen auf zwei Gruppen verteilt und blicken in entgegengesetzte Richtungen –, beobachten stets rotierend das Geschehen an den Rändern. Zu keiner Zeit ist der gesamte Bühnenraum einsehbar. Nicht einmal die Übertitel sind stets sichtbar. Wer sie gerade nicht im Blick hat, weil die Bühne ungünstig steht, der hat Pech gehabt. Und neben deutsch und englisch wird teils auch polnisch gesprochen.

Das klingt verwirrend, und das ist es noch viel mehr, wenn man drin steckt. Diese Irritation hat jedoch ihren Sinn. Auch als Leser von Raymond Roussels Romans, der der Inszenierung als Vorlage diente, weiß man zu keiner Zeit unzweifelhaft, woran man ist. Viel zu verschachtelt ist die Erzählstruktur, viel zu komplex Roussels poetische Verfahren voller flirrender Wortspiele. Der Gedanke an „Roussel im Karussell“ drängt sich auf. Dem Franzosen hätte er gefallen. Mit gutem Willen lässt sich der Bühnenraum also als theatralische Umsetzung von Roussels poetischer Praxis verstehen. Um zwei Stunden zu füllen, reicht diese Verlorenheit jedoch nicht.

Dem Franzosen hätte das Wortspiel gefallen

Dazu muss man wissen: Garbaczewski ist nicht irgendwer. Der 33-Jährige lernte beim großen Regisseur Krystian Lupa, der im vergangenen Jahr mit einer hinreißenden Inszenierung von Thomas Bernhards „Holzfällen“ in Schwedt gastierte. Schon in den ersten Jahren seiner Theaterarbeit gewann Garbaczewski einige der wichtigsten Theaterpreise in Polen, etwa beim Internationalen Theaterfestival „Boska Komedia“ (Göttliche Komödie) in Krakau. Auch beim Publikum kommt er an: Sein „Hamlet“, den er 2015 am renommierten Stary Teatr in Krakau auf die Bühne brachte, ist stets gut besucht. Zu seiner Arbeitsweise gehört es, Techniken anderer Kunstformen zu nutzen, des Tanzes etwa, der Performance, der Videoinstallation, der Bildenden Kunst. Doch beim „Hamlet“ hat es funktioniert.

Dass „Locus Solus“ nicht unbedingt ein Roman für die Bühne ist, liegt auf der Hand. In ihm führt der Gelehrte Martial Canterel eine Gruppe Besucher durch seinen Park, den Locus Solus. An sieben Stationen zeigt er den Gästen wunderliche Dinge und berichtet von Begebenheiten, die mit ihnen zusammenhängen. Es wird also erzählt, nicht gehandelt.

Garbaczewski wusste, worauf er sich einlässt

Garbaczewski war das bewusst. Er selbst nannte den Roman im Januar einen „Text, der unmöglich darzustellen ist“. All die Assoziationen seien für ihn wertvolles Material, „das man verändern und aus dem man ein szenisches Ereignis konstruieren muss“, sagte er in einem Interview (leider nur auf Polnisch). Die Performance könne etwas anderes sein als eine Erzählung.

Dieses andere ist nun an der Volksbühne zu sehen: Darin wird Canterel, gespielt von Jim Fletcher, der allerdings nur in Videoprojektionen auftritt, zu einem selbstverliebten Sektenführer, aus dessen Körper – warum auch immer – Licht strahlt und auf dessen Stirn ein Stern leuchtet. Die tatsächlich auftretenden Schauspieler, darunter die ungeheuer präsente Justyna Wasilewska, übernehmen keine konkreten Rollen. Stattdessen tanzen sie, tippen mit einem übergroßen Finger auf Zuschauerköpfe, ziehen sich aus und wieder an oder sagen eben Texte auf. Diese Texte haben mitunter etwas mit dem Roman zu tun, einen Zusammenhang stellen sie jedoch nicht her. Stattdessen herrscht in guten Momenten alberne Willkür, in schlechten gähnende Langeweile. Von der „künstlichen Intelligenz“, die im Programmheft genannt wird, ist wenig zu sehen. Von der ebenfalls angekündigten „ermüdeten Gesellschaft“ umso mehr. Sie sitzt vor den Schauspielern.

In der letzten Reihe wird geschnarcht — nicht zu überhören

Auf diese Weise bringt Garbaczewski in „Locus Solus“ wenig Sinn auf die Bühne, dafür aber vieles, was man am zeitgenössischen Theater eben so fürchten oder veralbern kann: Blut und Beamer-Projektionen, Interaktionen mit dem Publikum, die Thematisierung des Theaters selbst, teils recht alberne Tänze, nackte Haut und schließlich – da kann der Pole freilich nichts für – erste Zuschauerfluchten nach nicht einmal der Hälfte sowie einen deutlich hörbar schnarchenden Gast in der letzten Reihe. Was er nicht auf die Bühne bringt, ist eine sehenswerte Inszenierung. Und dafür gab’s dann nicht einmal Applaus.

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