Die Kühle der Pariser Nacht


Wieland Speck hatte es ja bereits vermutet: „Paris 05:59“ (im Original „Théo et Hugo dans la même bateau“) kommt bei den Zuschauern an. Später gab’s für den Film den Publikums-Teddy. Und mit Salzgeber hat er nach seinem Berlinale-Screening auch einen Verleih gefunden, dürfte also früher oder später im Kino zu sehen sein und startet mit großer Wahrscheinlichkeit auch seine Tingeltour über die kleineren Festivals. Grund genug, dem Film ein paar mehr Zeilen zu widmen.

Die Sexszene, mit der der Berlinale-Panorama-Film „Paris 05:59“ beginnt, ist auch eine Bürde. Immer, wenn das Gespräch später auf den Film kommt, wird es um diese 25 Minuten gehen: Um die düsteren Kellerräume eines Pariser Schwulenclubs. Um die Leidenschaft und die Enthemmung. Um die Körper und die Muskeln, die Ärsche und die Schwänze. Für sich genommen ist diese Szene Porno. Im Kontext des Films ist sie ein ungeheuer wagemutiger Start.

Denn aus der geradezu einschüchternden Körperlichkeit und rauschhaften Nähe entsteht langsam eine Geschichte. Mitten im Getümmel stößt die Kamera auf Théo (Geoffrey Couët). Der junge Mann hält sich etwas abseits, aber nicht, weil er sich unwohl fühlt. Vielmehr hat er sich verguckt, und zwar in Hugo (François Nambot). Und ähnlich, wie sich die Kamera zuvor durch die Körper gewühlt hat, um Théo zu finden, macht dieser sich nun daran, sich zu Hugo vorzukämpfen. Er greift nach ihm, nähert sich immer weiter an, küsst ihn schließlich. Als die beiden miteinander schlafen, wird das zwar immer noch explizit gezeigt. Es ist aber kein Porno, kein Selbstzweck. Es ist der Beginn einer Romanze.

Als Théo und Hugo kurz darauf vor der Tür stehen, sind sie weniger erschöpft als euphorisiert: Spielerisch umwerben sie einander. Beide versuchen, den Rausch des ersten Sex in die kühle Pariser Nacht zu verlängern. Das gelingt ihnen nur kurz. Schnell stellt sich heraus, dass Théo kein Kondom benutzt hat und Hugo HIV-positiv ist. Es braucht nur diesen einen kurzen Moment, und der Rausch ist verflogen. Übrig bleiben Ernüchterung — und die Frage, wie es weitergehen soll.

Hier zeigt sich, wofür es die 25-Minuten-Sexszene brauchte. Ihre ungehemmte Ekstase, ihr Sich-Vergessen und auch die Sympathie, mit der sie die beiden Jungs zeigt, schaffen erst die große Fallhöhe, die das unvermittelte Herunterkommen so schmerzhaft macht. Die plötzliche Erkenntnis wirkt deswegen kaum weniger intensiv als alles Vorangegangene, wenngleich in völlig anderer Hinsicht. Die Bürde der Sexszene zahlt sich aus.

Dass diese Herangehensweise ausgerechnet vom Regieduo Oliver Ducastel/Jacques Martineau stammt, überrascht deshalb gleich doppelt: Die beiden Filmemacher haben sich mit „Meeresfrüchte“ einen Namen gemacht, einer durch und durch konventionellen Coming-Out-Klamotte aus dem Jahr 2004, gegen die „Paris 05:59“ geradezu revolutionär riskant wirkt. Außerdem gelingt es ihnen, eine junge, authentische Geschichte in Echtzeit auf die Leinwand zu bringen; eine Geschichte, die in dieser Form eher Nachwuchsregisseuren zuzutrauen ist als bereits etablierten Filmemachern jenseits der 50.

Denn „Paris 05:59“ bringt neben all seinen Stärken eben auch Schwächen wie aus einem Nachwuchsfilm mit. So wirkt etwa die Kamera mitunter recht unentschieden; manchmal — etwa in der Krankenhausszene — verliert sich der Streifen auch in einer unverhohlenen Pädagogik. Das verwundert ein wenig, weil das Ausloten von Grenzen und Chancen zwischen Théo und Hugo auch nach der Schreckensnachricht vielschichtig bleibt. Die beiden sind fortan miteinander verbunden. Sie wollen einander kennenlernen, und das funktioniert nicht ohne erste Konflikte. Selbst wenn sie das Flirten nicht ganz lassen, es hat seine Leichtigkeit eingebüßt.

Geoffrey Couët und François Nambot wissen diesen Zwiespalt darzustellen. Auch dank ihnen werden Théo und Hugo, die zu Beginn des Films noch zwei Körper unter vielen waren, in nur 90 Minuten zu tiefen, ernst zu nehmenden Figuren. Dass sie — wie der Film selbst — auch so ihre Macken haben, mitunter etwas zu französisch daherkommen: geschenkt. In der Summe sind sie nämlich am Ende, als die Sonne aufgeht, so echt und so sympathisch, wie der Film wagemutig, widersprüchlich und stark ist.

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