„Wir wollten raus aus dem Ghetto“

Verleihung Friedensfilmpreis 2013Wieland Speck ist schon lange eng mit dem Berlinale-Panorama verbunden. Ab 1982 assistierte er dem Programmleiter Manfred Salzgeber, seit 1992 kuratiert er selbst die Sektion. Gemeinsam mit Salzgeber rief Speck auch den queeren Filmpreis Teddy Awards ins Leben, der in diesem Jahr zum 30. Mal vergeben wurde. Im Gespräch mit mir blickte Wieland Speck vor ein paar Tagen auf diese 30 Jahre zurück und zog ein erstes Fazit der 66. Berlinale.

Foto: Verleihung Friedensfilmpreis 2013 | Heinrich-Böll-StiftungCC BY-SA 2.0

Herr Speck, alles Gute zum 30. Teddy Award! Ein Grund zum Gratulieren?

Absolut! Für mich ist es ja schon die 35. Berlinale, aber der Teddy wird zum 30. Mal vergeben.

Wie lief es denn in diesem Jahr?

Die erste Hälfte lief ziemlich gut. Die zweite Hälfte begann dann mit dem Staatsbesuch von Netanjahu, der uns ein wenig in einen Wirbel gestürzt hat. Uns wurde der Zoopalast abgesperrt, und wir mussten sehen, wie wir die Premieren feiern. Das war etwas überraschend. Die Berlinale ist schließlich eine Weltveranstaltung mit Zehntausenden Besuchern. Aber wir haben das hinbekommen. Und die Filme waren wirklich sehr stark, auch in der zweiten Hälfte.

Heute werden die 30. Teddy Awards verliehen – lassen Sie uns zurückblicken: Wie war das, als Sie den Preis initiierten?

In den Achtzigern waren queere – damals sagte man noch: schwul-lesbische – Filme rar. Es gab fünf bis sieben im Festival, und wir haben die Qualitätsstandards der Berlinale auf die genauso angewendet wie auf alle anderen. Das führte dazu, dass auch Leute sie gesehen haben, die sonst nicht hingeschaut hätten. Wir wollten raus aus dem Ghetto, und das haben wir mit der Programmierung auch geschafft. 1987 wurde der Preis dann zum ersten Mal verliehen. Die Jury kürte gleich zwei junge Filmemacher, die noch niemand kannte, die aber kurz darauf Weltstars wurden: Gus Van Sant und Pedro Almodóvar. Das hat den Teddys genutzt.

Zu der Zeit galt aber auch noch der Paragraf 175, der sexuelle Handlungen unter Männern verbot. Hatten Sie nicht gegen Widerstände zu kämpfen?

Die gab es natürlich auf der rechtsmoralischen Seite, aber sie waren nicht so schlimm. Wir waren viel schlimmere Widerstände aus den Siebzigern und vor allem Sechzigern gewöhnt. Das hat uns nicht geschreckt, im Gegenteil: Es hat uns angefeuert.

Heute hat der Widerstand ein anderes Format, er ist vielleicht gewalttätiger. Obwohl, das kann man gar nicht sagen … Ich kann mich erinnern, dass ich 1980 beim schwullesbischen Filmfestival in Würzburg war: Das war eines der allerersten, und da musste immer irgendjemand Ausschau halten, ob die Neonazis kommen. Das war also auch damals schon gewalttäitg, und das ist es immer noch. Diese Gewalt zieht sich quer durch die Emanzipationsgeschichte.

Bei uns scheint es besser geworden zu sein, doch das ist natürlich nicht wirklich der Fall. An den Anschlägen auf Flüchtlingsheime sieht man das ja. Das ist die selbe Denkkategorie. Zugleich ist aber die Emanzipation in anderen Ländern auf der ganzen Erde längst noch nicht so weit gediehen. Das heißt: Wir sind weit, und trotzdem knallt’s hier, und dort ist es sogar noch viel schlimmer.

Die Filme reflektieren die Situation aus verschiedenen Ländern, vor allem Film aus Afrika, aus Zentralasien und Lateinamerika. Das sind die große Regionen, aus denen derzeit sehr interessante Werke kommen.

„Jede Kultur bedient sich der Möglichkeit, die Familie sozusagen reinzuhalten“

Wie würden Sie die Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre beschreiben?

Jedes Land hat in dieser Zeit gewisse Schritte gemacht, aber vielleicht sollte man das wie auf einem Kalender betrachten: Wenn wir behaupten, wir sind im Jahr 2016, dann gibt es Länder, wo noch 1812 ist oder 1564. Es gibt aber auch Länder, da ist schon 2096. Die Unterdrückung der queeren Minderheit kann man jedoch überall sehen. Jede Kultur bedient sich dieser Möglichkeit, die Familie sozusagen „reinzuhalten“.

Das betrifft auch die Flüchtlingskrise. Aus queerem Blickwinkel stellt sie sich so dar, dass man über die Jahrhunderte feststellen kann: Queere Menschen sind die größte Vertriebenengruppe der Welt. Überall. Kaum ein queerer Mensch lebt an dem Ort, an dem er aufgewachsen ist. Das führt dazu, dass Individuen ihre Wurzeln verlieren.

Gleichzeitig gibt es ihnen aber die Freiheit, eigene kreative und kulturelle Aktionen zu unternehmen, weil sie sich selbst erfinden müssen. Auf der ganzen Welt ist auch ein großer Innovationstransfer durch diese Vertreibung zu spüren.

Das hängt auch mit den konkreten Flüchtlingsströmen derer, die vor dem Krieg fliehen, zusammen. Letztendlich herrscht für 90 Prozent der queeren Menschen zu Hause, da wo sie aufgewachsen sind, immer Krieg.

Die Teddys als queerer Filmpreis sind auf ein einziges, doch recht eng gestecktes Thema begrenzt. Müsste nicht nach drei Jahrzehnten alles einmal erzählt worden sein? Wiederholt sich nicht vieles?

Selbstverständlich gibt es Wiederholungen! Film ist stets eine Reflexion des menschlichen Verhaltens und der menschlichen Befindlichkeit. Wenn man etwa eine Liebesgeschichte verfilmen möchte – egal ob queer oder nicht -, dann hat man da natürlich Wiederholungen. Es kommt aber darauf an, wie man es macht. Welche Themen sonst noch darin sind, wie man ästhetisch damit umgeht und so weiter. Es ist natürlich eine 90-Minuten-Unterhaltung, die dem Film die Basis gibt. Es gibt aber viele Möglichkeiten, damit umzugehen und zu spielen.

Was mir auffällt an den Wiederholungen: Ich habe vorhin diesen Kalender aufgemacht. Wenn man jetzt nach Südamerika guckt, dann ist dort vielleicht 1982, und man hat viele Coming-Out-Geschichten. Da geht’s um die direkte Identitätsfindung von Pubertierenden und Nachpubertären Menschen. Das hat man bei uns in den Achtzigern viel gehabt. Da sieht man schon, auf welchem Kalenderabschnitt die jeweilige Kultur sich gerade befindet.

„Die schwule Filmgeschichte beginnt ja nicht mit dem Teddy“

In diesem Jahr war der Teddy mit einer eigenen Reihe vertreten. Was verbarg sich dahinter?

Das ist eine ganze Wundertüte an Highlights. Wir haben 17 Filme zusammengestellt. Die Idee war, einerseits sehr selten zu sehende Filme zu bringen, die den Teddy gewonnen haben. Die andere Hälfte sind Filme, die aus der Zeit sind vor dem Teddy. Also Filme, die dahinführten, dass wir den Teddy erfunden haben. Man kann ja immer noch weiter zurückgehen, es gibt immer Vorläufer: Die Schwulendemos gingen nicht mit dem ersten CSD los. Und die schwule Filmgeschichte fängt eben nicht mit dem Teddy an.

Der älteste Film, den wir zeigen, ist „Anders als die Andern“, 1919 in Berlin gedreht. Der wurde frisch restauriert, und wir zeigen die Premiere des Films. Aber wir haben auch Wegbereiter aus den Siebzigern dabei. Die große Regisseurin Chantal Akerman ist eine davon, von ihr haben wir zwei Filme im Programm. Auch um sie zu feiern. Sie hat sich Ende letzten Jahres das Leben genommen, das trifft uns ins Mark.

Haben Sie einen Favoriten für dieses Jahr?

Ha! Ich muss gestehen, ich bin dermaßen durchgenudelt von der Auswahl, dass ich nicht den einen oder anderen wählen und sagen kann: Der ist es. Bei einigen merkte man aber, dass das Publikum sehr positiv reagierte. Dazu gehören „Kater“ vom österreichischen Regisseur Händl Klaus und auch der französische Film „Paris 05:59“ von Jacques Martineau und Olivier Ducastel. Die beiden Regisseure waren schon mehrfach bei uns, auch im Wettbewerb.

 

Kleiner Nachtrag: Das Interview wurde vor der Teddy-Verleihung geführt, sodass Speck noch nicht wissen konnte, wer gewinnt. Doch siehe da: Er hat ziemlich gut gelegen. „Kater“ ist tatsächlich als bester Spielfilm ausgezeichnet worden, und „Paris 05:59“ gewann den Publikumspreis. Die anderen Auszeichnungen gingen an „Kiki“ (Dokumentarfilm), „Moms on Fire“ (Kurzfilm), „You Will Never Be Alone“ (Preis der Teddy-Jury) und „Don’t Call Me Son“ (Preis der Männer-Leser-Jury). Dass Christine Vachon mit dem Spezial-Teddy geehrt wird, stand schon vorher fest.

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