Die zerstörte Frau

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Während am Donnerstag alle Welt auf den Berlinale-Palast und den Eröffnungsfilm „Hail, Caesar!“ (meine Kritik bei MOZ.de) blickte, feierte im Cinemaxx nebenan ein Film von ganz anderem Kaliber Premiere: „I, Olga Hepnarová“.

(Foto: Berlinale)

Den Vergleich muss sich der Film wohl gefallen lassen: So wie „Ida“ ist auch das tschechische Drama „I, Olga Hepnarová“ in tristem Schwarzweiß gedreht. Wie beim polnischen Oscar-Gewinner steht auch hier eine junge Frau im Mittelpunkt der Erzählung. Beide Filme spielen in den kommunistischen Diktaturen Osteuropas — und beide sind ungeheuer gut.

Und doch ist Olga so ganz verschieden von Ida. Tomáš Weinrebs und Petr Kazdas Heldin strebt nicht von außen – aus einem Kloster – in die Gesellschaft, und sie ist erst recht keine Nonne. Ganz im Gegenteil, Olga Hepnarová wird von den Menschen um sie herum hinausgedrängt. Ihr werden Rollen zugeschrieben, die sie nicht füllen kann und will. Und das liegt nicht nur daran, dass sie lesbisch ist.

Der Film „I, Olga Hepnarová“ hat am Donnerstag das Berlinale-Panorama eröffnet. Er beruht auf der wahren Geschichte der tschechischen Massenmörderin Hepnarová, die 1973 bei einer Amokfahrt mit einem Laster acht Menschen umbrachte und zwei Jahre später hingerichtet wurde. Ihr Tod war die letzte Hinrichtung einer Frau, die in der Tschechoslowakei vollstreckt wurde.

Tomáš Weinreb und Petr Kazda nähern sich dieser erratischen Frau, die sich selbst als „zerstörten Menschen“ bezeichnete, und ihrem schwierigen Leben, indem sie sich streng an die Fakten halten. Sie erklären nicht, und sie versuchen nicht, Verständnis für das fürchterliche Verbrechen herzustellen. Stattdessen zitieren sie die Schriften der Hepnarová, lassen den Menschen hinter der Massenmörderin zu Worte kommen.

Und dieser Mensch hat es tatsächlich nicht leicht. Obwohl Olga Hepnarová aus gutem Hause stammt, nimmt sie die Welt schon früh als feindselig war. Auf einen Selbstmordversuch reagiert ihre Mutter, indem sie ihr vorwirft, nicht genügend Willen für die Selbsttötung zu haben. So schnell es geht, verlässt Olga das Haus der Eltern und zieht in eine erbärmliche Hütte. Ihr Geld verdient sie als Fahrerin in einem Volkseigenen Betrieb. Lichtblicke sind dabei selten: Eine Affäre beginnt zwar sinnlich (diese Szene wird in Erinnerung bleiben!), sie endet jedoch fatal. Und von ihrer Mutter bekommt Olga Psychopharmaka statt Hilfe. Tiefer als die Mutter steigen jedoch die Zuschauer in die Psyche Olgas ein.  „Die Gesellschaft ist zu gleichgültig, zu Recht. Mein Urteil ist: Ich, Olga Hepnarová, das Opfer eurer Bestialität, verurteile sie zum Tode“, heißt es in einem Brief. Der Film vermag es, diese immer größer werdende Einsamkeit und Entfremdung der Frau auf die Leinwand zu bringen.

Dass dem Film das gelingt, verdankt er neben der klugen Regie auch seiner Hauptdarstellerin. Michalina Olszańska sticht bereits durch ihr markantes Haar und ihren ausgemergelten Körper hervor. Was sie mit diesem Körper jedoch leistet, ist nicht weniger als spektakulär. Für Trotz und Wut, aber auch Leidenschaft und Sinnlichkeit bräuchte sie eigentlich keine Worte. Da genügt eine Geste, eine Haltung.

Auch Michalina Olszańska macht „I, Olga Hepnarová“ zum Glücksgriff — sowohl fürs Panorama selbst, als auch für die Teddy Awards, die in diesem Jahr zum 30. Mal verliehen werden und die ihn wohl kaum unberücksichtigt lassen werden. Tomáš Weinreb und Petr Kazda erzählen eine Geschichte, die in vielerlei Hinsicht weit weg ist von ihren Zuschauern und die diese Distanz doch zu überbrücken weiß. Darin übrigens sind sie „Ida“ wieder ganz nahe.

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