Neuköllner Deutschstunde

Kiek mal an. Yael Ronens „The Situation“ wird zum Theatertreffen eingeladen. Hier nochmal meine Kritik, die ich nach der Premiere im September für die MOZ geschrieben habe.

„I want to integrate you“, beharrt Stefan (Dimitrij Schaad). Der Lehrer möchte seinen Schülern Deutsch beibringen, spricht aber die ganze Zeit nur sozialpädagogisch. Seine Schützlinge zu intergrieren, ist ihm wichtiger als die Sprachvermittlung.

Die Deutschstunde ist der Auftakt zu Yael Ronens „The Situation“, das am Freitag im Gorki-Theater uraufgeführt wurde. Stefan hat es darin zunächst mit Noa (Orit Nahmias) und Amir (Yousef Sweid) zu tun. Noa ist Jüdin, Amir ist Araber, und beide sind verheiratet. Noch. Denn ihre Liebe zerbrach, als sie Israel verließen und nach Berlin zogen: in ein palästinensisches Dorf names Neukölln, wie Amir sagt. Dabei sind sie dem Nahost-Konflikt, der auf Hebräisch und Arabisch schlicht “The Situation” genannt wird, keineswegs entkommen. Zum ersten Mal leben sie hier Tür an Tür mit Menschen, die im Nahen Osten durch hohe Mauern und dichten Stacheldraht voneinander getrennt sind.

Die Paartherapie wird zur politischen Arena

Die Neuköllner Deutschstunde auf der Langenscheidt-gelben Treppe (Bühne: Tal Shacham) ist erst Paartherapie, dann politische Arena. Sie wird es noch mehr, als die anderen drei Figuren dazutreten: Laila (Maryam Abu Khaled) und Karim (Karim Daoud) aus Palästina sowie Hamoudi (Ayham Majod Agha) aus Syrien – sie alle sind tief verstrickt in „The Situation“.

Nachdem sich Yael Ronen in der vergangenen Spielzeit in dem berührenden „Common Ground“ mit den Folgen der Jugoslawienkriege beschäftigte, nimmt sich die gebürtige Israelin nun den Nahost-Konflikt vor: “The Situation” hat sie erneut gemeinsam mit ihrem Ensemble erarbeitet. Herausgekommen ist ein bissiges und turbulentes Stück.

Der Deutschunterricht bietet dafür den perfekten Rahmen. Einfachste Fragen wie “Wer bist du?” werden hier zum Politikum. Als Stefan die Vergangenheitsform lehren will, droht die Lage gleich ganz zu eskalieren. Auf der Bühne wird wild durcheinander Deutsch, Englisch, Arabisch und Hebräisch gesprochen. Auch der Konjunktiv hilft Stefan nicht, sodass er sich nach dem Unterricht fragt: “Wie kann ich den Nahost-Konflikt lösen?”

Er kann ihn nicht lösen. Stattdessen entpuppt er sich als herrlich doppelbödige Figur. Konfrontiert mit den fünf Einwanderungsgeschichten, gibt er sich zu erkennen: “Ich bin ein Meisterwerk der Integration”, verkündet er und beginnt, seine Geschichte zu erzählen.

Beste Freunde: ARD, ZDF, WDR und RTL

In Kasachstan geboren, genoss er mit seiner Funktionärsfamilie ein luxuriöses Leben in der kommunistischen Kleptokratie. Bis zum Untergang der Sowjetunion. Nach der Auswanderung Richtung Deutschland blieben Stefan, der eigentlich Sergej heißt, nur vier Freunde: ARD, ZDF, WDR und RTL. Von ihnen lernte er Deutsch. So gut, dass er bald von den “richtigen Deutschen” nicht mehr zu unterscheiden war und prima in Ronens Stück den Stellvertreter des Durchschnittsdeutschen mimen konnte.

So wie auch Stefan/Sergej nicht von Dimitrij Schaad zu unterscheiden ist. Schaad selbst wurde in Kasachstan geboren und hat in Deutschland eine Karriere hingelegt, die 2014 mit der Ehrung als “Schauspieler des Jahres” einen vorläufigen Höhepunkt fand. Yael Ronen verknäuelt die Biographien aller ihrer Schauspieler mit denen der Figuren – und gibt dem Stück, das an sich bereits durch unpädagogische Klugheit und bitterbösen Pointen in hoher Schlagzahl beeindruckt, so auch noch ein ungeheures Maß an Echtheit mit. Dass sie das Stück dann auch noch mit einer gehörigen Portion Hoffnung schließt, ist ein mutiges Statement in einem Konflikt, an dem nicht nur Stefan gescheitert ist.

Advertisements