„Man wird ja seine Biographie nicht los“

Linda Söffker ist eine dieser Frauen, die auch im Abendkleid nicht auf einen Döner verzichten und nur kurz zögern, vor der Kamera ein Lied von Christian Steiffen („Sexualverkehr“, YouTube-Link unten) anzustimmen. Zur Berlinale, wo Söffker seit 2011 die Perspektive Deutsches Kino leitet, ist sie allerdings nicht deswegen gekommen. Vielmehr ist es ihr tiefes Interesse für den Film, der sie vor fünf Jahren auf einen der wichtigsten Posten in der deutschen Filmszene geführt hat. 

Foto (oben): Friedensfilmpreis 2015 | Heinrich-Böll-Stiftung | CC BY-SA 2.0

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Das Gesicht der Perspektive: Linda Söffker im Programmheft der Berlinale.

Vor drei Jahren habe ich Linda Söffker getroffen, um ein knappes Porträt für die MOZ über sie zu schreiben. Dabei erzählte sie von den verschlungenen Wegen, die sie zum Film geführt haben und welche Handschrift die Sektion unter ihrer Leitung bekommen hat. Dass sie ihren Job mit viel Leidenschaft angeht, überraschte dabei weniger als ein anderer Fakt: Linda Söffker berlinert ganz charmant. Zum halbrunden Jubiläum der Perspektive Deutsches Kino, sie wird bei dieser Berlinale 15, lege ich hier das Gespräch im Wortlaut nach.

Frau Söffker, Sie sind aus Eberswalde, wie lange haben sie dort gelebt?

Meine Familie lebt immer noch da, also meine Eltern, mein Bruder und meine Tanten. Als ich 14 war, bin ich nach Frankfurt (Oder) in die Schule gegangen, in die Spezialschule für Mathe, Physik und Chemie. An den Wochenenden war ich aber trotzdem noch zu Hause bei meinen Eltern. Nach der Schule habe ich ein Jahr in Eberswalde gearbeitet, weil ich vor dem Studium ein Vorpraktikum machen musste. Dann erst bin ich nach Berlin gezogen, 1989 zum Studium. Im Grunde habe ich, bis ich 20 war, in Eberswalde gewohnt.

Wo sind Sie dort ins Kino gegangen?

In die Passage Lichtspiele und ins Rote Finowtal.

Gibt es die heute noch?

Eins. Das Rote Finowtal, aber das heißt natürlich nicht mehr so. Wahrscheinlich heißt es jetzt irgendwie so, wie sie alle heißen. Die Passage Lichtspiele, in die ich immer gegangen bin, gibt’s leider nicht mehr. Die sind schon lange dicht. Schade eigentlich.

Was waren das für Filme, mit denen Sie groß geworden sind?

Kann ich mich noch an was erinnern? Mein erster Film, zu dem ich abends gehen durfte, war „Der gestiefelte Kater reist um die Welt in 80 Tagen“ oder so ähnlich: ein Zeichentrickfilm mit einem Kater, der eben um die Welt gereist ist. Das war eine Abendvorstellung, zu der meine Mutter mit mir und meinem noch kleineren Bruder gegangen ist.

Als junges Mädchen bin ich dann immer sonntags ins Kino gegangen, nachmittags. Da habe ich viele Defa-Filme gesehen, „Sieben Sommersprossen“ und „Ab heute erwachsen“ und sowas.

Zu Abendvorstellungen bin ich erst ins Kino gegangen, als ich schon Abitur gemacht habe. Das heißt, als ich in Frankfurt (Oder) war, mit 14, 15 bis ich 18 war. Da bin ich mit Kollegen ins Kino gegangen. Und da haben wir natürlich auch sowjetische Filme, was weiß ich, wie „Geh und sieh“ – sowas haben wir natürlich in der DDR gesehen.

Es gab aber auch Woody Allen, und es gab auch „Ginger and Fred“. Es gab ein Kino im Neubauviertel, Neuberesinchen hieß das Viertel – gibt’s das immer noch?

Ja, das steht noch.

Da war ein Neubauklub, und da war immer Kinoklub einmal die Woche, immer mittwochs. Vielleicht auch einmal im Monat, so genau weiß ich das nicht mehr. Da konnte man auch so Sachen sehen wie „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Da hab ich schon Filme gesehen, die in der Bundesrepublik erfolgreich waren, die vor allem ein gewisses intellektuelles Publikum erreicht haben und die auch politisch motiviert waren. In dem Filmklub gab es eben auch die Möglichkeit, diese Filme in der DDR zu sehen. Das war schön. Das waren so meine ersten Filmerfahrungen.

Haben Sie bloß zugeschaut oder sich beim Filmklub auch eingebracht?

Nein, ich war damals noch völlig anders programmiert, weil ich ja an der Mathe-Physik-Chemie-Schule war. Das war mehr kulturelles Highlight, weil es mich interessiert hat. Aber Zeit hatte ich für so etwas gar nicht.

Die DDR hat ja in ihren intellektuellen Nachwuchs viel Geld gesteckt: Ich habe im Internat gelebt, wir haben rund um die Uhr Förderunterricht bekommen – in Mathe, Physik und Chemie. Ich war sehr naturwissenschaftlich geprägt. Ins Kino zu gehen, war mein Hobby, aber engagiert war ich nicht. Das war nur Interesse.

Wie kam der Wechsel? Wann und warum haben Sie sich entschieden: Da will ich mehr mit machen, vielleicht sogar beruflich in die Richtung gehen?

Da ich diese Sonderausbildung von vier Jahren genossen hatte, musste ich auch ein Studium in diese Richtung aufnehmen. Mein einziger Wunsch war es, irgendwie nach Berlin zu kommen. Ich war eigentlich gar nicht so eine Leuchte in Mathe und Physik. Also, ein bisschen schon, im Vergleich zu normal. Aber bei uns an der Schule war ich nicht die große Leuchte. Und dann gab es Wirtschaftsinformatik auf der Schule für Ökonomie in Karlshorst. Da hab ich mich beworben und wurde genommen. So bin ich nach Berlin gekommen.

Als ich dann in Berlin war, gab es im Sommer 89 ein Erntelager, und danach ging das Studium los. Dann ging alles ganz schnell. Es kam die Wende, die Mauer fiel. In dieser Zeit war ungeheuer viel in Berlin am Theater los. Ich bin jeden Tag ins Theater gegangen, um das, was gerade an Umwälzungen in Deutschland und vor allem um mich rum passiert zu besprechen, zu verarbeiten. Da wurde viel in Theaterstücken und in Inszenierungen erzählt, aber auch in Foyers und in Publikumsgesprächen. Fast jeden Abend war ich im Theater.

Das Studium an der Hochschule für Ökonomie habe ich nach einem Jahr hingeschmissen, um an der Humboldt Uni Kultur- und Theaterwissenschaften zu studieren. Dann war ich noch zwei Jahre theatergeprägt. Dann hab ich aber ein Praktikum im Deutschen Historischen Museum im Zeughauskino gemacht, in diesem historischen Kino.

Zwischendurch hatte sich das mit dem Theater auch verloren, dass Theater als ein politischen Ort, wo Sachen transportiert und beredet werden … Das ist irgendwie weggegangen. Als es die DDR nicht mehr gab und jeder sowieso alles sagen konnte, war das Theater als Transportmittel für politische Äußerungen nicht mehr so wichtig. Und damit hatte es sich für mich ein bisschen erledigt. Ins Kino bin ich trotzdem gern gegangen. Und nach dem Praktikum im Zeughauskino war ich filmgeschichtlich infiziert.

Wegen der Filme, oder weil das Kino den Mangel an politischen Botschaften kompensieren konnte?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Jetzt gehe ich wieder sehr gerne ins Theater. Ich mag das. Irgendwie war aber damals erstmal die Bedeutung, die das Theater für mich hatte, weg. Ich bin öfter ins Kino gegangen und hab Seminare an der HU über Filmgeschichte besucht, die alle sehr schön waren, weil mal ein Gefühl hatte, wie … Wenn man sich intensiv mit nur einer Sache, was weiß ich, Nouvelle Vague oder so, beschäftigt, mit einer Epoche oder nur einem einzigen Filmemacher …

Ich erinnere mich: In der DDR gab es im Zweiten Kanal wochenlang immer mittwochs, 19 Uhr, einen Film zu nur einem Thema. Da hat man alle Filme von einem Schauspieler oder von einem Regisseur, wat wees ick, mit Bud Spencer oder von Godard, gesehen – wochenlang hintereinander! Das hat man heute gar nicht mehr! Ich fand das interessant, und an der HU im Studium habe ich dieses Gefühl plötzlich wiedergehabt. Man kann in ein filmisches Thema so richtig tief einsteigen! Das hat mich angemacht.

So ging das los, und der letzte Auslöser war dann das filmhistorische Praktikum im Zeughauskino. Von da an war ich über Jahre im Zeughauskino.

Bis Sie zur Berlinale gekommen sind.

Nach dem Studium hab ich im Zeughauskino einen Vertrag über zwei Jahre bekommen als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Damals war Rainer Rother, der heute das Filmmuseum (und die Retrospektive und die Hommage bei der Berlinale) leitet, der Leiter des Zeughauskinos. Bei dem war ich. Zum Umbau wurde dann das Kino geschlossen; das war, glaube ich, fünf Jahre zu. Ich brauchte also einen neuen Job und habe mich bei der Berlinale beworben.

Wie ging das los bei der Berlinale?

Anfangs war ich in der Programmorganisation. Das ist die erste Station für Leute, die ihren Film einreichen. Dort wird geschaut, ob das Format und die Länge stimmen, für welche Sektion der sich angemeldet hat. Das muss in eine Datenbank eingegeben werden. Damals waren es vielleicht 3000 Filme, heute sind es 6000. Alle müssen in dieser Datenbank erfasst werden, damit die Filmverwaltung, die einzelnen Sektionen darauf Zugriff haben. Das war mein erster Job, der war sehr anstrengend.

War das das, was Sie machen wollten? Das klingt eher verwaltend, weniger inhaltlich.

Vor allem im Vergleich zu der Arbeit, die ich vorher im Zeughauskino gemacht hatte: Filmreihen mitentwickeln, ausdenken, recherchieren, wo die Filme liegen und welche Titel in Frage kommen. Das war erstmal eine Veränderung. Es war vor allem sehr automatisch: Daten in den Computer eingeben, immer wieder. Aber irgendwie war das trotzdem okay damals … Ich kannte mich mit Filmformaten sehr gut aus. Ich wusste, was es bedeutet, wenn ein Film auf 16 Millimeter ist – das gab es damals eben auch noch. Ich wusste, was verschiedene Tonformate bedeuten, ich wusste, auf welcher Leinwand die abzuspielen waren. Ich hatte ein Gefühl dafür, was das bedeutet, und deshalb fanden die damals, dass ich die Richtige dafür bin.

Meine Nachfolgerin macht das immer noch – ich hab das ja nur drei Jahre gemacht. Brigitte beherrscht das ganze System, spricht sogar in den Vokabeln, wenn sie einem was erklärt. Das ist der Hammer! Ich merke da immer, dass das offensichtlich für mich nur eine Stufe war, um etwas anderes zu machen. Das Klima war damals total gut, die Berlinale und ihre Sektionen kennenzulernen, die einzelnen Leute. In der Abteilung habe ich mich auch sehr wohl gefühlt. Aber ich wusste schon: Ich möchte nicht zwölf Stunden oder vierzehn am Computer sitzen und auf den Bildschirm gucken. Ich hatte Tennisarme! Das war sehr anstrengend, und ich bewundere Brigitte: Wahnsinn!

Kam von da schon der Sprung zur Sektionsleiterin?

Um Gottes Willen! In meinem dritten Jahr in der Programmabteilung kam Dieter Kosslick und hat die Perspektive Deutsches Kino gegründet. Alfred Holighaus war erster Sektionsleiter, der hat das aufgebaut, und ich habe aus der Programmorganisation heraus ihn bei den Einladungen, Absagen und so weiter unterstützt. Er war alleine und hatte nur am Schluss eine Praktikantin.

Nach der Berlinale habe ich irgendwann gesagt: „Alfred, ich finde, Du brauchst jemanden, der Dir hilft. Und ich finde, das sollte ich sein.“ Dann hat er mich angeguckt und gesagt: „Das ist eine gute Idee.“ Auch Dieter Kosslick hat gesagt, dass das immer mehr wird, es wurde ja von Presse und Publikum gut aufgenommen. So bin ich zu Alfred gegangen, war viele Jahre seine Assistentin und Programmmanagerin.

Und dann Nachfolgerin.

Genau. Vor drei Jahren.

Wie ist der Arbeitsalltag, wenn man bei der Berlinale eine Sektion leitet?

Das verändert sich im Laufe der Monate. Am Anfang, kurz nach dem Festival, beginnen Verhandlungen mit den Sponsoren: Wie ist es gelaufen? Wollt Ihr weitermachen? Hauptsächlich macht das die Sponsoring-Abteilung, aber man spricht auch im direkten Draht. Jurys müssen neu besetzt werden – seit letztem Jahr gibt es ja den Förderpreis. Wer kommt in Frage? Die müssen angeschrieben werden.

Im Oktober kommen die ersten Filmanmeldungen. Dann ist die Hauptarbeit das Filmesichten. Das sind so etwa 350 Filme. Irgendwann fängt das an mit den Zu- und Absagen, Katalogmaterial muss besorgt werden. Die Leute müssen akkreditiert werden, brauchen Hotelzimmer. Das mache ich natürlich nicht alles selber, dafür gibt es Betreuerinnen und meine Assistentin. Dieses Jahr haben wir auch einen Auszubildenden.

Die 350 Filme haben Sie alle gesehen?

Nein. Ich habe nicht alle gesehen, das schaffe ich nicht allein. Das wäre eine Lüge. Vielleicht habe ich 250 gesehen. Den Großteil der Filme schaue ich aber selber. Ich habe auch Berater, Assistenten, Leute, die unsere Reihe moderieren, mein Partner, der auf dem Festival in Leipzig arbeitet und sich gut mit Filmen auskennt. Die gucken mit, und wir reden, und natürlich gibt es Sachen, die für mich überhaupt nicht in Frage kommen – warum auch immer, die können auch einfach nur zu kurz sein. Bei uns geht es ja erst bei 20 Minuten los. Ich gucke auch als letztes die Filme, die in Deutschland schon Premiere hatten, weil wir erstmal nach Premieren suchen, und ich erst hinterher überlege, ob wir noch einen Film nachspielen können. Es gibt viele Kriterien.

Und wer entscheidet schlussendlich, was gezeigt wird?

Die letzte Entscheidung fälle ich. Aber ich stehe ja auch mit den anderen Sektionsleitern in engem Kontakt. Wenn ich deutsche Filme schaue und finde, das ist etwas ganz Herausragendes, dann zeige ich das auch den anderen Sektionsleitern, je nachdem, was das für ein Film ist. Es ist schon so, dass ich mich mit den Sektionsleitern abstimme in der letzten Entscheidung.

Dennoch trägt die Sektion Ihre Handschrift.

Auf jeden Fall.

Sie hatten mal in einem Interview mit der Zitty gesagt, dass vielleicht durchscheinen wird, dass Sie jünger sind, weiblich und aus dem Osten. Hat sich das bewahrheitet?

Ja, wir haben auch viele Frauen im Programm, das stimmt. Es gibt aber keine Quote in der Perspektive. Dieses Jahr sind es dennoch weniger als sonst. Wir hatten letztes Jahr sechs Frauen, also ungefähr die Hälfte, und dieses Jahr haben wir nur noch vier Filme von Frauen. Das ist also nicht danach ausgewählt.

Aber, wir haben zum Beispiel in diesem Jahr den Film „Die mit dem Bauch tanzen“ im Programm, einen Dokumentarfilm über Über-50-Jährige Frauen in einer Bauchtanzgruppe. Die Tochter einer der Frauen macht diesen Film. Das hat nicht mit einer Vorliebe von mir für Bauchtanz zu tun, aber das ist natürlich schon wahrscheinlich ein weibliches Phänomen, die Frage des Alters, wie man mit seinem Körper umgeht, wenn der älter wird, warum die Tochter mit fast 30 ein Problem hat, ihren Körper zu zeigen, und die Mutter ihren aber beim Tanzen schön findet und gerne ihren Bauch zeigt. Das sind sicher eher Fragen, die sich Frauen stellen. Das mag sein, dass sich das spiegelt.

Was den Osten betrifft: Es ist auf jeden Fall so, dass man seine Biographie nicht loswird und nicht loswerden möchte. Deshalb interessieren mich solche Sachen vielleicht mehr als andere, weiß ich nicht. Jedenfalls war es so, dass bislang immer auch ein Blick auf die ehemalige DDR in der Reihe war. Letztes Jahr hatten wir den Film über die Rollbrettfahrer in der DDR. Vor zwei Jahren, als ich angefangen habe, gab es den Dokumentarfilm über die Vaterlandsverräter, der auch sehr erfolgreich war. Ein sehr interessanter Film. Und dieses Jahr habe ich den Film „Einzelkämpfer“ über vier Leistungssportler aus der DDR. Die Regisseurin selbst war mal Leistungssportlerin in der DDR, also Turmspringerin, und sucht andere auf, um Erfahrungen zu teilen und zu erfahren, was aus denen geworden ist, wie die zurückblicken. Das ist schon interessant, und sicher hat es auch etwas mit mir zu tun.

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