Zwischen Bolschoi und Berghain

Olga Grjasnowa gehört zu den talentiertesten jungen Erzählerinnen hierzulande. Wie schade, dass sie sowohl mit „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, als auch mit „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ noch keinen völlig runden Text vorgelegt hat. Doch beide Romane lassen erahnen, was da noch so schlummert. Wohl auch deshalb hat das Berliner Gorki Theater die Texte auf die Bühne gebracht. Die Premiere der „Unschärfe“ (Regie: Nurkan Erpulat) fand am 24. Oktober statt — und für beide Vorführungen im Dezember gibt es noch Karten.

Foto: Baku/Azerbaijan (April 2011) | Dieter Zirnig | CC BY-NC 2.0

Vier Schauspieler stehen vor einer Wand. Sie tragen Ballettröckchen, doch ihre Choreografie ist alles andere als elegant. Sie wollen die Wand überwinden, rennen dagegen, springen an ihr hoch und nehmen keine Rücksicht auf die eigenen Körper. Die Wand soll eine Gefängniszelle im postsowjetischen Baku sein. Und Leyla (Lea Draeger) sitzt in dieser Zelle, weil sie bei illegalen Autorennen durch die aserbaidschanische Hauptstadt mitgefahren ist. Die Rennen waren der bislang letzte Ausbruch aus ihrer zuvor disziplinierten Welt.

Leyla ist Baletttänzerin und stammt aus Baku. Noch in ihrer Heimat heiratete sie den Psychiater Altay (Taner Şahintürk). Zwar steht Altay eigentlich auf Männer und Leyla auf Frauen. Um aber ihre Familien zu beruhigen, gingen sie erst die Ehe ein — und dann nach Berlin. Erst hier leben sie ihre Sexualitäten ungezügelt aus: Berlin ist in „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ im Berliner Gorki-Theater ein hedonistischer Jahrmarkt (Bühne: Kathrin Frosch). Doch Leyla kann dem Widerspruch zwischen der Stadtluft, die ja angeblich frei macht, und der Disziplin, die es als erfolgreiche Ballerina braucht, nicht entkommen. Denn sie hat eigentlich gelernt: „Disziplin macht frei.“

Bereits zum zweiten Mal wurde am Sonnabend ein Roman von Olga Grjasnowa im Gorki uraufgeführt. Vor zwei Jahren feierten Publikum und Kritik Yael Ronen für “Der Russe ist einer, der Birken liebt”. Nun legt Regisseur Nurkan Erpulat, der auch die Bühnenfassung geschrieben hat, nach. Mit „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ zieht er allerdings die Schwächen des Romans mit auf die Bühne. Schon die Handlung der Vorlage wirkte trotz Grjasnowas unbestrittenen Erzähltalents etwas unaufgeräumt, sprunghaft und spröde. Erpulat und sein Dramaturg Daniel Richter bleiben dieser Schwäche überraschend treu: Ihr Stück wird seltsam unscharf.

Der überbordenden Performance tut das jedoch keinen Abbruch. Denn auch wenn die vierte Wand hier zum Glück nicht eingerissen wird, gehen die Videoprojektionen (Sebastian Pircher) mitunter weit über den Bühnenraum hinaus. Viel wird getanzt (Choreografie: Nir de Volff), das wechselt dann zwischen Berghain und Bolschoi-Theater. Die vier Gorki-Schauspieler legen allesamt sehr körperliche, risikofreudige und energiereiche Auftritte hin. Es gibt hinreißend komische, beinah alberne Einfälle, und auch für Mehmet Ateşçis wundervollen Gesang findet sich reichlich Raum. Überhaupt die Musik: Valentin von Lindenau und das Studio „kling klang klong“ arbeiten viel mit raumgreifendem Elektro, zeigen aber auch bei kleineren Einfälle Kreativität. Etwa wenn sie das Müsli-Essen mit einem Mikrofon akustisch überhöhen.

Die Aufführung rückt so von ihrer Erzählung weg und wird mehr und mehr zur Performance. Besonders deutlich zeigt sich das in einer der bewegendsten Szenen: Leyla bricht aus ihrer Disziplin aus und stopft einen Kuchen in sich hinein. Doch entgegen der Handlung bekommt der Zuschauer hier erst wirklich zu sehen, was es bedeutet, diszipliniert zu sein. Lea Draeger verschlingt vor seinen Augen wirklich einen Teller voll Kuchen. Die Qual steht ihr ins Gesicht geschrieben, und sie wird später, in einer anderen Szene, von den anderen drei Schauspielern wiederholt, als sie in kürzester Zeit mehrere Liter Wasser trinken.

Einfälle wie diese überstrahlen dann auch die Unwucht des Plots. „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ spricht weniger das Denken an als vielmehr die Sinne. Das aber gelingt Erpulats Inszenierung. Sie ist — im wahrsten Sinne des Wortes — sehenswert.

Der Text erschien leicht gekürzt am 26. Oktober 2015 in der Märkischen Oderzeitung.

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