Rock gegen den ramponierten Ruf

Noch ein Nachdreh zu Serbien: Denn neben der Flüchtlingskrise und dem Kosovo-Streit wird dort natürlich auch gefeiert — und in Novi Sad beim Exit Festival sogar mit gutem Grund. Als ich vor zwei Jahren im Frühsommer schon einmal durch das Land gereist bin, habe ich auch die Veranstalter des Festivals getroffen. Und für die MOZ damals dies aufgeschrieben:

Foto: P1030465 | Yo Pizza | CC BY-SA 2.0

„Fünf, vier, drei, zwei, eins“ – und Schluss. Als alle Welt am 31. Dezember 1999 das dritte Jahrtausend begrüßt, soll auch auf dem Belgrader Platz der Republik ein Neujahrsfest steigen. Otpor, eine oppositionelle Gruppe hat es organisiert. Ein Konzert ist angekündigt. Zehntausende zählen gemeinsam den Countdown runter – doch bei Null geschieht nichts. „Serbien hat nicht den geringsten Grund, irgendetwas zu feiern“, erklärt einer der Veranstalter der Menge. „Wir haben jetzt das Jahr 2000, doch es hat sich nichts verändert. Tatsächlich wird es immer schlimmer. Geht nach Hause!“ Ohne zu protestieren, verlassen die Menschen den Platz.

Wenn ab 10. Juli hochkarätige internationale Stars wie Fatboy Slim, The Prodigy und Snoop Lion (Ex-Snoop-Dogg) mit Hunderttausenden Fans aus dem In- und Ausland zum Exit-Festival nach Novi Sad reisen, einem der größten Festivals Europas, dann wird die Stimmung eine völlig andere sein. Und doch hat das Exit seine Wurzeln genau in jener Zeit, in der Otpor das Silvesterfest in Belgrad einfach platzen ließ.

Als die Zukunft so richtig düster erscheint, wird das Festival geboren

Damals nämlich, nach zehn Jahren unter Slobodan Miloševićs extremem Nationalismus, nach Jugoslawien-Kriegen und Nato-Angriffen ist die serbische Gesellschaft aus den Fugen. Viele haben das Land verlassen, viele denken darüber nach. Die Zukunft erscheint düster. Dass schon bald Hoffnung auf einen Regimewechsel keimt, ahnt niemand.
Doch schon ein halbes Jahr später und knapp 100 Kilometer weiter nördlich findet sich im Sommer eine kleine Gruppe von Studenten, die von der Lethargie genug hat. Während viele Serben sich noch von den Klängen des Turbo-Folk einlullen lassen, einer Melange aus Schlager-Pop und Nationalismus, wollen sie mit einem Festival ihr Land öffnen und kulturell wiederbeleben. Das Exit in Novi Sad wird geboren.

100 Tage dauert es im ersten Jahr. Noch findet es direkt am Donau-Ufer statt. Bands aus Serbien, Mazedonien und Kroatien kommen, Filme werden gezeigt, Kunst ausgestellt – alles unter dem Motto „Ausgang aus zehn Jahren des Wahnsinns“.

Nur wenige Tage nachdem das erste Exit-Festival vorbei ist, finden in Serbien und Montenegro, dem Rest des jugoslawischen Staatenbundes, die ersten freien Wahlen seit dem Auseinanderbrechen des Landes statt. Die demokratische Opposition gewinnt. Im Oktober wird Präsident Milosevic während eines Volksaufstands gestürzt.

Von der Punk-Performance des Finanzministers spricht man heute noch

Im Jahr darauf sind die Vorzeichen für das Exit völlig andere. Die Bühnen stehen auf der andere Seite der Donau, hoch oben auf der Petrovaradin-Festung, einer Burg aus dem 18. Jahrhundert, von der man eine wunderbare Sicht über die Donau mit ihren Brücken-Ruinen auf Novi Sads Innenstadt hat. Borislav Novaković, der neue, demokratische Bürgermeister eröffnet die Party, der Finanzminister gibt eine bizarre Punk-Performance auf der Bühne, und kaum ein Politiker will es sich nehmen lassen, auf dem Exit fotografiert zu werden. Schnell wird das Festival zum Liebling von Politikern wie Fans. Die Politiker sorgen für die nötigen Genehmigungen und helfen, Geld zu akquirieren. Die Fans lassen das Festival weiter und weiter wachsen. Mittlerweile erklimmen bis zu 190 000 Menschen jedes Jahr im Hochsommer die Burg. Hunderte Rock-, Hip-Hop- und Elektro-Acts treten auf.

„Serbien ist nicht gerade berühmt für gute Dinge“

Jelena Galetin ist eine der Organisatoren des Exit. Schon als Jugendliche verfolgte sie enthusiastisch die Entwicklung des Festivals. Auch als Studentin und später als PR-Managerin des Exit blieb sie Fan der Veranstaltung. Mit Nachdruck stellt die 26-Jährige klar, dass das Exit noch immer mehr sein will als eine große Party. „Es ist wichtig für unser Land“, sagt sie. „Serbien ist schließlich nicht gerade berühmt für gute Dinge.“ Sie meint die Jugoslawien-Kriege.

Serbien hat seitdem wahrlich nicht den besten Ruf. Kaum beachtet wurde jedoch damals die junge, quicklebendige Opposition im Land. In Slowenien gab es das unabhängige Wochenmagazin Mladina (Jugend), in Belgrad das regierungskritische Radio B-92. Auch das Exit-Festival ist Ergebnis der dunklen Jahre unter Milosevic.

Nach der Revolution fächert sich dessen musikalisches Programm schnell auf, internationale Musiker wie Kosheen, Moloko, Massive Attack, Franz Ferdinand und Jamiroquai können empfangen werden, mehr und mehr Bühnen werden errichtet. Akustisch ist das kein Problem, denn die Festung ist in Terrassen erbaut. So können die Bühnen dicht beieinander stehen, ohne sich zu stören.

Mittlerweile spielt das Exit in der ersten Liga europäischer Festivals

Warum das Festival mit politischer Unterstützung auf einer historischen Burg stattfinden darf? „Wir machen ja nichts kaputt“, meint Jelena Galtin. Überhaupt profitiere die ganze Stadt vom Exit: „Es bringt halt Geld.“ Die Adelung erfährt das Exit im Jahr 2008, als Besucher es in einer Abstimmung mit dem UK Festival Award auszeichnen. Das Exit spielt nun auf Augenhöhe mit Festivals wie dem Roskilde in Dänemark und dem Heineken Opener in Polen.

2008 zeigt sich aber auch, wie diffizil der politische Anspruch des Exit noch immer wahrgenommen wird. Ursprünglich steht Björk im Programm. Die isländische Sängerin hat jedoch kurz zuvor bei einem Konzert in Tokio den Song „Declare Independance“ (Erklärt die Unabhängigkeit) dem Kosovo gewidmet und findet sich fortan nicht mehr unter den angekündigten Künstlern. Bojan Bošković, Chef-Organisator des Exit, bestreitet zwar einen Zusammenhang, doch Björks Management kontert und legt eine Mail der Festivalveranstalter vor, in der der Rauswurf angedroht wird, falls Björk sich erneut politisch äußert. Große Medien berichten, etwa der New Musical Express, der die größte Musik-Website der Welt betreibt. Erst später geben die Veranstalter klein bei und laden die Sängerin erneut ein. Erfolglos: Bis heute hat sie nicht in Novi Sad gespielt.

Das Festival will politisch bleiben

Der Kratzer im Image kann zwar recht klein gehalten werden, doch die Geschichte zeigt, wie dünn die Linie ist, auf der sich das Exit als politisches Festival noch immer bewegt. Das weiß auch Jelena Galetin, die betont: „Wir gehören zu keiner Partei, aber wir sind noch immer politisch.“ Es gebe auch im 14. Jahr genügend Probleme anzugehen, etwa Armut unter Studenten, Sexismus, häusliche Gewalt. Gegen den Mangel an Geld hat das Exit-Festival gemeinsam mit der Universität Novi Sad Stipendien eingerichtet. Für Serben kosten die Festivaltickets außerdem weniger als für Besucher aus Westeuropa.

Um junge Serben in Fragen von Sexismus, extremem Nationalismus und Homophobie zum Umdenken zu bewegen, sei eben das Festival da. „Wir wollen junge Menschen aufwecken, sie bewegen“, sagt Galetin.

Tausende haben etwa im vergangenen Jahr Beth Ditto, der Punk-Lesbe und Cover-Frau von Gossip, zugejubelt, als hätte es den Turbo-Folk nie gegeben – noch vor wenigen Jahren undenkbar in Serbien. Glaubt man Galetin, dann gibt es in Serbien schon jetzt die freie und offene Gesellschaft, die sie sich wünscht. Allerdings nur wenige Tage im Jahr und nur auf der Petrovaradin-Festung bei Novi Sad.

Der Text war am 8. Juli 2013 in der Märkischen Oderzeitung zu lesen. Das Exit ist seitdem weiter gewachsen und schmückt sich nun auch mit einem Ableger am Meer in Montenegro, dem Sea Dance Festival. Mehr Infos gibt es hier: www.exitfest.org/en. Darüber hinaus bemüht sich auch Novi Sad um den Ruf einer jungen Stadt: 2018 will die Studentenstadt an der Donau Jugendhauptstadt Europas werden.

Advertisements

2 Kommentare

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.