„Schon viel zu lange gewartet“

Wer derzeit als Flüchtling über die Balkanroute in Richtung Europäische Union will, der kommt an Serbien kaum vorbei. Auf einer Pressereise, veranstaltet von der EU-Kommission, habe ich in der vergangenen Woche unter anderem die Flüchtlingsunterkunft in Principovac nahe der Grenze zu Kroatien besucht. Es war ein ruhiger Tag. Doch die Situation kann sich jederzeit ändern. Bereits in dieser Woche sieht es in Principovac ganz anders aus. Für die Märkische Oderzeitung habe ich am Montag diese Reportage geschrieben.


Es lachen wieder Kinder in Principovac. Sie toben auf den Schaukeln, spielen mit einem der herumstreunenden Hunde und bauen Häuser aus übriggebliebenem Spielzeug. Das grenzt an ein Wunder – aus zwei Gründen. Schon vor Jahren ist die IMG_9561Heilanstalt für Kinder in Nordserbien nahe der Stadt Šid stillgelegt worden. Noch heute zeigen Fotos an den Wänden die ehemaligen Patienten. Seitdem wurde das Gelände zwar notdürftig in Schuss gehalten, doch in der abgelegenen Klinik in Sichtweite zur kroatischen und damit zur EU-Grenze lebte zunächst niemand mehr.

Das änderte sich vor wenigen Wochen, nachdem Ungarn die Grenze zu Serbien geschlossen hatte und die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten sich eine alternative Route über den Balkan suchten. Serbien funktionierte die Heilanstalt zu einer Unterkunft mit 350 Betten um. Dicht an dicht stehen nun die Pritschen in dem früheren Aufenthaltsraum. Auf einigen schlafen erschöpfte Flüchtlinge unter schweren Decken. Im Eingangsbereich verteilt das Rote Kreuz Essen. Für die Kinder gibt es auch Süßigkeiten. Derzeit leben 83 Menschen in Principovac, darunter zahlreiche Minderjährige. Sie sind ebenfalls erschöpft. Doch sie nutzen die kurze Verschnaufpause, um mal wieder Kind zu sein, nicht Flüchtling.

Auch Karo Belbaz ist mit seinem fünfjährigen Neffen Tischko unterwegs. Der 22-Jährige ist vor einem Monat in Kirkuk im Nordirak aufgebrochen. Während Tischko mit den anderen Kindern tobt, berichtet Karo von seiner Reise: Er studierte IMG_9534Wirtschaft, bis die Terrormiliz Islamischer Staat seine Heimatstadt angriff. Die Dschihadisten brachten einige seiner Freunde um. Vor einem Monat machte sich Karo auf den Weg nach Europa.

Nachdem er die Türkei durchquert hatte, wollte er die Grenze zu Bulgarien überwinden. Sofias Sicherheitskräfte drängten ihn sechs Mal zurück. Und nicht nur das: „Sie haben uns geschlagen und ausgeraubt“, berichtet er. Das Geld, das er in seine Jeans eingenäht hatte, und sein Smartphone haben ihm die Polizisten abgenommen. Geblieben sind ihm 50 Euro, die er in seinen Schuhen versteckt, und die große Wut auf die Bulgaren: „Berichtet unbedingt, was mir an der Grenze geschehen ist“, bittet er.

Über Griechenland und Mazedonien landete er schließlich in Serbien. Doch schon drei Stunden nach seiner Ankunft in Principovac plant er seine Weiterreise. „Ich habe schon viel zu lange gewartet. Morgen um zehn geht der Bus Richtung Kroatien“, erzählt er auf Englisch. Das Ziel seiner Reise sei Deutschland, das er aus dem Fernsehen kennt, oder Finnland, wo er Bekannte hat.

Die Flüchtlinge in Serbien haben allen Grund zur Eile. Sie befürchten, dass nach Ungarn auch andere Staaten die Grenze IMG_9554schließen. Erst am Montag stoppte die slowenische Polizei 2000 Flüchtlinge bei der Einreise aus Kroatien; vor wenigen Wochen hatte Kroatien selbst die Grenze vorübergehend dicht gemacht. In Serbien will aber kaum jemand bleiben.

Ivan Mišković vom Serbischen Kommissariat für Flüchtlinge bestätigt das. Von den mehr als 220 000 Flüchtlingen, die seit Januar nach Serbien eingereist sind, sei kaum einer länger als zwei Tage im Land geblieben. „Die meisten sind nur ein paar Stunden hier, um etwas zu essen und ihr Handy aufzuladen.“ Nur 600 Asylverfahren wurden in dieser Zeit begonnen. 26 davon wurden schließlich genehmigt. Doch Mišković’ Angaben zufolge hält sich keiner der anerkannten Asylbewerber mehr im Lande auf. Sie alle zogen weiter nach Norden, nach Europa. Serbien ist für sie noch nicht Europa.

Dabei bemüht sich das Land, trotz wirtschaftlicher Probleme ein gutes Bild in der Krise abzugeben. In Belgrad durften die Flüchtlinge den Sommer über in zwei Parks übernachten. Vor wenigen Wochen drängten sich noch Hunderte auf dem Gelände nahe des IMG_9516Busbahnhofes. Nun, da es zu kalt ist, wird ihnen freigestellt, in eine Unterkunft am Rande der Stadt zu gehen oder sich an die Grenze bringen zu lassen.

„Wir wissen, wie man Mitgefühl zeigt“, sagte auch der nationalistische Ministerpräsident Aleksandar Vučić in der vergangenen Woche im Gespräch mit einer Gruppe deutscher Journalisten. Über Serbien, das er in die EU führen möchte, gebe es weniger Klagen als über andere Länder. „Uns geht es wirtschaftlich nicht gut, aber das hindert uns nicht, nach europäischen Werten zu handeln.“ Auch Ivan Mišković betont: „Die serbischen Bürger sind gute Gastgeber.“

Doch Solidarität anzukündigen, ist leicht, solange niemand sie ernsthaft einfordert. Bisher ist Serbien ein reines Transitland. Was aber passiert, wenn die Nachbarn wirklich die Grenzen schließen und Serbien damit konfrontiert ist, die Flüchtlinge IMG_9521dauerhaft unterzubringen, ist offen.

Zwar betonen die Behörden, dass das Land während des Bürgerkriegs der 90er-Jahre 600 000 Flüchtlinge aufgenommen hat und dass es ohne größere Schwierigkeiten die 700 Unterbringungszentren von damals reaktivieren könne. „Wir wissen jedoch nicht, wie der Winter wird“, gibt Mišković zu. In einer nicht-repräsentativen Online-Umfrage des TV-Senders B92 sprachen sich fast zwei Drittel von 3600 Nutzern dagegen aus, die Flüchtlinge längerfristig im Land anzusiedeln. Unterdessen hat Karo Belbaz das Land zwar bereits verlassen. Weiter im Süden haben jedoch allein in der Nacht zu Montag 10 000 andere Flüchtlinge die mazedonisch-serbische Grenze passiert.

Der Text erschien am 20. Oktober 2015 in der Märkischen Oderzeitung.

Auch meine beiden anderen großen Serbien-Texte sind jetzt online: einer über die Kosovo-Problematik und einer übers Exit-Festival.

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