„Sei verflucht!“

Über Gehorsam habe ich bereits vor wenigen Wochen mit Robert Stadlober für die MOZ gesprochen. Anlass waren die Kleist Festtage, die sich in diesem Herbst das Motto „Ungeheuer Gehorsam“ gaben und die Stadlober mit seiner Eineinhalb-Mann-Performance „Private Peaceful“ (mit auf der Bühne stand Andreas Spechtl) nach Frankfurt (Oder) holten. Stadlober verriet mir in unserem kurzen Telefonat, dass er den Kriegsdienst total verweigert hat, und sprach von seiner „Abscheu gegenüber Gehorsam“. Wie er diese Abscheu auf der Bühne umsetzt, war am Donnerstag in Frankfurt zu sehen.

(Foto: Hamburger Kammerspiele/Isabell Koch)

Da liegt er. Er zuckt noch, aber er wird sterben. Erschossen im Krieg. Nicht vom Feind, sondern von den eigenen Leuten. Denn Soldat Tommo Peaceful hat einen Befehl verweigert.

Der britische Autor Michael Morpurgo hat die Geschichte dieses Soldaten 2003 in dem Jugendbuch “Private Peaceful” erzählt. 2012 wurde sie verfilmt und war mehrfach auf englischsprachigen Bühnen zu sehen. Im deutschsprachigen Raum haben die Hamburger Kammerspiele sie erstmals inszeniert und gastierten nun damit bei den Kleist Festtagen in Frankfurt (Oder).

Die beiden Co-Regisseure Martin Dueller und Robert Stadlober haben sich dabei entschieden, die Hinrichtung des Soldaten an den Anfang des Stückes zu stellen. Erst danach berichtet Peaceful, wie es dazu kam: Stadlober in der Rolle des Tommo Peaceful erzählt, wie er als junger Mann verleitet wurde, sich freiwillig zu melden, und wie er die brutale Grundausbildung erlebte. Er beschreibt die Langeweile vor der Schlacht und die Lust zu töten. Im Zentrum seines Berichts steht der Horror des Krieges: das Gefangensein in Befehlsketten, das Grauen auf Schlachtfeldern und hinter Frontlinien und das Heldentum eines sich opfernden Soldaten, das nicht nur fahl, sondern schlichtweg falsch ist.

Niemand würde doch bestreiten, dass Krieg schlecht ist

Im Grunde ist das biederes Anti-Kriegs-Theater. Denn soweit herrscht ja Konsens: Niemand würde ernsthaft bestreiten wollen, dass Krieg schlecht ist. Deswegen ist es auch weniger das Appellative des Abends, die “Anregung zum Nachdenken”, wie Stadlober im Interview sagte, die diese Inszenierung sehenswert macht. Analytisch ist hier nämlich nicht viel zu holen.

Überzeugend ist vielmehr das Ästhetische, das Theatrale. Robert Stadlobers Spiel ist nicht weniger als furios. Er stampft und staunt, er marschiert und marodiert, er trauert, tobt und tötet — und zwar mit Hingabe und reichlich Kondition. Stadlober schlüpft mühelos und glaubhaft in die verschiedenen Rollen und bekommt bei diesem Soldaten-Solo die Chance, alle Facetten seines Könnens zu zeigen. Er nutzt sie.

Ihm mag dabei in die Hände spielen, dass das Stück kurzfristig aus dem großen Saal auf die Hinterbühne des Kleist Forums verlegt wurde. Doch er weiß diesen intimeren Raum eben auch zu nutzen und trotzt den Schwächen des Plots eine ungeheure Intensität ab. Regisseur Dueller lässt ihn alle Möglichkeiten der kleinen Bühne (Ausstattung: Astrid Noventa) bespielen. Vier bewegliche Bergmassive im Vordergrund stehen sowohl für die Weite eines Marktplatzes wie für die Enge des Schützengrabens. Mal kauert Stadlober am Boden, mal spricht er von einem Berg aus Särgen herab auf die Zuschauer. Und wenn er schließlich brüllt: “Sei verflucht, Scheiß-Krieg!”, dann ist das kein Allgemeinplatz mehr. Stadlober lässt es spüren.

Wort und Ton treten in einen produktiven Dialog

Zu verdanken hat er das auch dem Musiker Andreas Spechtl, der aus dem Hintergrund der Bühne Stadlobers Monolog mit einem sensiblen Soundtrack begleitet. Wobei “begleitet” nicht ganz richtig ist. Denn im Laufe des Abends erzeugt er mit Mischpult, Laptop und etwas Percussion Klänge, die gleichberechtigt neben dem Text stehen. An den besten Stellen gehen Wort und Ton ineinander über und treten in einen produktiven Dialog.

Solch ein Dialog ist im Krieg jedoch nicht vorgesehen, und so besteht während der gesamten 90 Minuten von “Private Peaceful” auch keine Hoffnung für den Soldaten Tommo. Am Schluss wird das Todesurteil verkündet, und die Lichter gehen aus. Im Kleist Forum herrscht langes Schweigen. Dann folgt stürmischer Applaus für den völlig verausgabten Robert Stadlober.

Der Text erschien am 10. Oktober leicht gekürzt in der Märkischen Oderzeitung.

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