„Weil er so ein geiler Autor ist“

… und immer wieder Brecht. Kaum ein Monat vergeht, an dem nicht in irgendeinem Theater in Deutschland ein Brecht-Stück seine Premiere feiert. An der Neuen Bühne Senftenberg bekommt der Dichter am 19. September gleich ein ganzes Fest. Was fasziniert an Brecht so sehr, dass er Jahrzehnte nach seinem Tod — und trotz juristischer Fallstricke — noch immer so gefragt ist? Wie lässt sich ein Dichter ins Jetzt holen, der Phänomene wie die Globalisierung nur erahnen konnte? (Schließlich gelingt das durchaus nicht immer.)

Ende August habe ich mich für die MOZ mit Manuel Soubeyrand, seit 2014 Intendant an der Neuen Bühne Senftenberg, über Brecht unterhalten. Er gibt mir Antworten — und wirbt kurz vor ihrem Tod um Verständnis für die Brecht-Erbin Barbara Brecht-Schall.


Foto: Brecht le didactiqueCarac3 | CC BY-SA 2.0

Herr Soubeyrand, Sie nennen Brecht den bedeutendsten deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts. Was ist mit Kafka und Mann, mit Celan und Rilke?

Die sind auch alle ganz gut, aber Brecht ist der bedeutendste. Bertolt Brecht schrieb im Laufe seines kurzen Lebens 48 Stücke, über 2300 Gedichte und drei Romane. Er füllte Bände mit theoretischen, kritischen, politischen und philosophischen Schriften, wirkte an vier Filmen als Drehbuchautor mit. Mit seinen Opern sprengte er die traditionelle Gattung. In seinen Stücken verband er Dramatik mit epischen Elementen und mit Musik. Er schuf neue Genres und führte neue mediale Techniken in die Künste ein. Er war als Künstler Universalist, der alle neuen Möglichkeiten der Ästhetik der Avantgarde erprobte und sich mit ihnen auch durchsetzte.

Wie beschreiben Sie Ihren persönlichen Zugang zu Brecht?

Er war bei uns zu Hause immer Thema, weil meine Mutter mit Benno Besson befreundet war, seinem wichtigsten Schüler und prägendstem Regisseur der DDR der 60er. Seinetwegen zog meine Mutter von West nach Ost – das ist schon wichtig für mein Leben!

Als ich 1980 ans Berliner Ensemble kam, lebten noch sehr viele Kolleginnen und Kollegen, die von Brecht engagiert worden waren. Er war schlicht und einfach präsent – im Guten wie im Schlechten. Das hat mich natürlich auch in der Spielweise geprägt. Das ist auch ein persönlicher Grund, den Brecht immer wieder gern zu machen.

Brecht gilt vielen als Schullektüre.

Das, was wir heute von ihm kennen und an ihm bewundern oder eben nicht bewundern, ist nach seinem Tod entstanden. Die Kanonisierung zu einem Staatsdichter kommt ja nicht von ihm. Dafür kann man ihn nicht verantwortlich machen.

Als ich 2004 Intendant in Esslingen wurde, wurde mir von einem dortigen Feuilletonisten auch vorgeworfen, ich würde Brecht-Theater machen. Da steckte dieser Vorwurf drin: dogmatisch, trocken, belehrend. In Brechts Stücken und Gedichten finde ich das aber nicht. Ich finde, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es Zeit, ihn endlich als unseren gemeinsamen Dichter zu begreifen und nicht auf einen Kommunisten oder Stalinisten zu verkleinern.

Brecht hat aber diesen Ruf. Wie lässt der sich abschütteln?

Ich hoffe natürlich, indem die Leute zu uns kommen. Frei nach dem Brecht-Satz „Der Pudding erweist sich beim Essen“ sollen sie merken, dass er eben kein Schulmeister ist. Wir werden – jetzt muss ich auf Holz klopfen, denn wir sind ja noch nicht fertig –, wir werden zeigen, was er für ein humorvoller und leichter Autor ist.

Aber uns war die Gefahr natürlich bewusst. Als wir uns entschieden haben, Brecht zu inszenieren, haben wir gesagt: Da müssen wir was gegen machen. Deshalb nennen wir das auch „Brecht auf! Das Fest“ und bringen zum Anfang einen Jahrmarkt. Brecht war großer Fan von Jahrmärkten.

Wie lassen sich Brechts Innovationen ins Heute holen?

Indem man einerseits zeigt, dass er ein witziger, leichter, fröhlicher Dramatiker ist, und andererseits schlicht und einfach über seine enorme Bandbreite. Das moderne Theater haben wir alle bei Brecht gelernt. Nur wissen es viele gar nicht.

Sie sind auf Brechts Art, Theater zu machen, eingegangen. Wie steht es um seine Themen?

Brecht hat auch politisches Theater gemacht. Wenn wir uns heute die Fremdenfeindlichkeit anschauen, dann merken wir, dass Künstler – und Politiker – mehr Nachholbedarf haben, als wir je dachten. Da kann uns Brecht allein aufgrund des vielen Materials und seiner Biografie eine Hilfe sein.

In Ihrer Ankündigung schreiben Sie auch, dass Sie die Zuschauer zu einem Brecht einladen, den sie so nicht erwarten. Haben die Brecht-Erben schon angerufen?

Wir sind auf Nummer sicher gegangen. Die jüngere Enkelin macht bei uns die Kostüme.

Nein, im Ernst: Ich habe einen guten Draht – nicht nur des Opas wegen – zu beiden Enkelinnen. An den von mir geleiteten Theatern hat Johanna Schall immer inszeniert. Und mit Jenny Schall arbeite ich seit 14 Jahren zusammen. Ich hatte auch immer ein sehr respektvolles Verhältnis zu Barbara Brecht-Schall. Diese Engstirnigkeit, die man ihr aufdrückt, die ist ungerecht.

Ich frage natürlich wegen der Diskussionen um den Münchner „Baal“, der nach einem Vergleich nicht mehr gespielt werden darf, weil Regisseur Frank Castorf zu viele Fremdtexte verwendete. Wie stellte sich der Streit aus Ihrer Sicht dar?

In jedem Vertrag mit dem Suhrkamp-Verlag steht ein ganz einfacher Satz: „Fremdtexte sind nicht erlaubt.“ Das kann man blöd finden. Aber das ist nunmal eine Klausel des Verlages. Vor allem finde ich es verkehrt, das nicht dem Verlag anzulasten, sondern Barbara Brecht-Schall. Das ist ungerecht, weil man die Verträge mit dem Verlag macht und nicht mit ihr.

Es gibt außerdem genügend Autoren, die schon 70 Jahre tot sind, und mit denen kann man machen, was man will. Warum stürzen sich aber alle auf Brecht und wollen ihn verschlimmbessern? Natürlich weil er so ein geiler Autor ist! Deswegen machen Theater wie das Residenztheater in München ihn ja auch. Sonst müssten sie ihn doch gar nicht inszenieren!

Dem steht entgegen, dass es Brecht selbst wohl ganz gut gefallen hätte, wenn Regisseure sich von ihren Autoren emanzipieren und die Produktionsmittel selbst in die Hand nehmen. Glauben Sie das nicht?

So gut kenne ich Brecht natürlich nicht. Das kann aber schon sein, denn er war ja sehr frei mit Urheberrechten. Aber die Diskussion ist müßig: Die Rechte sind nunmal so. Das ist auch eine große Errungenschaft für die Autoren. Und ich weigere mich, das konservativ zu finden. Das ganze Thema muss man mal ein bisschen erden.

Ihre Zuschauer können also keine Fremdtexte erwarten.

Genau. Bei Proben haben wir gelästert, nicht doch einen Fremdtext reinzunehmen, damit wir überregionales Feuilleton haben und vielleicht beim Theatertreffen dabei sein können.

Sie haben sich dagegen entschieden?

Ja, denn ich mag den kalkulierten Crash nicht.

Was zeigen Sie stattdessen?

Eine sehr ungewöhnliche Mutter Courage, die schrill ist, wild und anarchisch. Wir haben als Courage-Wagen einen VW-Bulli. Das ist ein sehr moderner Zugriff in Farbe, Form und Inhalt. Darauf kann man sich freuen.

Das Interview erschien am 31. August 2015 in der Märkischen Oderzeitung.

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