Gespräch mit Gehörlosen

Nur der Vollständigkeit halber: Über das „Wycinka“-Gastspiel in Schwedt, vor dem ich mit der Schauspielerin Ewa Skibińska gesprochen hatte, habe ich auch etwas ausführlicher geschrieben. Der Text ist am 21. April in der gedruckten MOZ erschienen — und folgt jetzt hier.

Zwei Nackte knien hinter zwei schwarzen Bänken. Ihre Blöße ist von den Möbeln verdeckt, nur ihre Gesichter sind zu sehen. Diese jedoch werden durch Videoprojektionen verdreifacht. Auf die Rückwand der Bühne wird der Innenraum einer Fabrikhalle projiziert. Die Anspielungen auf die Kirche sind nicht zu übersehen: Der Fabrikraum lässt sich leicht mit einem Kirchenschiff verwechseln; das Gespräch der beiden – es geht um Theaterkunst – gleicht einem Gebet.

Die Szene stammt aus Krystian Lupas Inszenierung des Thomas-Bernhard-Romans „Holzfällen“. Das Viereinhalb-Stunden-Stück des polnischen Meisterregisseurs gastierte am Sonntag in den Uckermärkischen Bühnen in Schwedt. Anlass war das Stettiner Theaterfestival „Kontrapunkt“, das noch bis zum kommenden Sonntag läuft und das mit „Wycinka/Holzfällen“ einen ersten Höhepunkt feierte. Gut 500 Zuschauer – die meisten reisten aus Polen an – sahen im luftig gefüllten Schwedter Theatersaal eine Vorführung von europäischem Rang. Krystian Lupa zeigt in „Wycinka“ nicht nur, wie hervorragend er mit Schauspielern zu arbeiten versteht. Er erschafft auch ein Stück, das elegant mit verschiedenen Ebenen arbeitet, trotz seiner beeindruckenden Länge nicht erschlägt, von warmem Humor geprägt und reich ist an subtilen Bezügen zur Situation des zeitgenössischen Theaters in Polen.

Für die Sicherheit kann nicht garantiert werden

Und diese Situation ist seit längerer Zeit einigermaßen prekär. In den vergangenen Jahren hat es zahlreiche Angriffe vonseiten der politischen Rechten und der katholischen Kirche gegeben: Im November 2013 unterbrach eine Gruppe von Ultra­rechten mit Schreien und Pfiffen eine Aufführung des Strindberg-Stücks „Nach Damaskus“ in Krakau.

Einen Monat später legte der Lubliner Stadtrat Gelder für wichtige Theaterprojekte auf Eis, nachdem ein Vertreter der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) einer Choreografie Pornografie vorgeworfen hatte und dies mit Bildern von nackten Tänzern belegen wollte.

In Posen musste im vergangenen Sommer beim Malta Festival eine Inszenierung von „Golgota Picnic“ abgesagt werden, nachdem sich auf rechtsextremen Internetseiten 50 000 Menschen – das Spektrum reichte von katholisch-fundamentalistischen Gruppen über nationalistische Vereinigungen bis zu Hooligans – verabredet hatten, um gegen das Stück zu demonstrieren. Die Polizei behauptete, die Sicherheit von Theaterschaffenden und Publikum nicht garantieren zu können.

Nicht das Bernhard’sche Wien ist gemeint. Sondern Krakau, Warschau, Posen und Breslau

Regisseur Krystian Lupa hat diesen Kreuzzug von polnischer Kirche und Nationalkonservativen gegen das progressive Theater nicht ausgeblendet, als er „Wycinka“ für das Breslauer Teatr­ Polski inszenierte. Im Gegenteil: „Er sagte, dass man genau dieses Stück jetzt in Polen machen muss“, berichtet Schauspielerin Ewa Skibinska, die in „Wycinka“ die Rolle der saturierten Schriftstellerin Jeannie Billroth übernimmt. Wie in Thomas Bernhards Roman findet auf der Bühne ein „künstlerisches Abendessen“ statt. Das Ehepaar Auersberger – zwei gescheiterte, jedoch wohlsituierte Künstler – haben eingeladen, und auch der Ich-Erzähler Thomas ist gekommen. Während dieser aber in Bernhards Roman einen kalten, galligen Blick auf die Eitelkeit, Selbstbezogenheit und Borniertheit der Künstler wirft, entschärft Lupa diese Sicht und baut zwischen den Zeilen seine Kommentare auf die polnischen Verhältnisse ein.

Die beschriebene Gebetsszene ist ein Beispiel dafür. Ein weiteres ist der lange Monolog, den der Held Thomas, gespielt von Piotr Skiba, gegen Ende der Inszenierung hält. Darin greift er jene Künstler an, die der Macht zu nahe kommen, sich auf sie einlassen. „Diese Menschen sind schuld daran, dass in diesem Land schon immer und mit von Jahr zu Jahr wachsender Arroganz, mit von Jahr zu Jahr wachsender Blödheit die Ignoranten die Kultur beherrscht haben und beherrschen werden“, wütet er. Das Publikum versteht, dass hier nicht nur das Bernhard’sche Wien gemeint ist, sondern auch Krakau, Warschau, Posen und Breslau – mehrfach gibt es in Schwedt Zwischenapplaus.

„Leider sehr rechts, sehr katholisiert“

Die „Beziehung von Kunst und Macht“ ist auch für Ewa Skibinska eines der prägenden Themen des Theaterstücks. Dass diese Beziehung vor allem in Polen so kompliziert ist, führt die Schauspielerin auf verschiedene Gründe zurück: Die Gesellschaft sei in Teilen „leider sehr rechts, sehr katholisiert, während die Kunst marginalisiert wird.“ Kunst habe einen geringen Stellenwert. Das zeige sich auch in den Schulen, wo die kulturelle Bildung zurückgefahren werde.

Als Folge daraus stemmen sich vor allem jene gegen das Theater, die sich gar nicht mit ihm auseinandersetzen. „Sie suchen nur nach Gelegenheiten, sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt zu fühlen“, schrieb „Wycinka“-Regisseur Krystian Lupa, der am Sonntag wegen einer Krankheit nicht nach Schwedt gekommen war, 2014 in der Wochenzeitschrift „Tygodnik Pow­szechny“. „Niemand betreibt aggressive Blasphemie, niemand dringt mit antichristlichen Symbolen in Kirchen ein. Sie sind es, die vor dem Theater zusammenkommen, das ihnen bisher fremd war, um sich verletzt zu fühlen.“

Eine Anekdote

Auf der Bühne legt er seinen Darstellern diese Worte in den Mund. „Man kann mit Gehörlosen reden“, heißt es. „Aber nicht mit jemandem, der sich die Ohren zuhält.“ Dass das stimmt, belegt Ewa Skibinska mit einer Anekdote aus Breslau. Als dort „Golgota Picnic“ aufgeführt werden sollte, jenes Stück, das in Posen wegen drohender Proteste vom Spielplan genommen werden musste, hatten sich sehr viele Neonazis Karten gekauft – wohl um auch diese Vorstellung zu stören. Der Intendant des Teatr Polski reagierte jedoch und ließ stattdessen „Termopile Polskie“ spielen, ein „hervorragendes modernes, scharfes und kompromissloses Stück“, wie die Schauspielerin sagt. „Und davon waren die Neonazis so beeindruckt, dass sie keinen Grund mehr sahen, Randale zu machen. Ihnen war einfach die Motivation abhanden gekommen.“ Einzig Vertreter der Kirche hatten die Vorstellung nicht besucht – obwohl der Intendant sie persönlich eingeladen hatte. Man kann eben nicht mit jemandem reden, der sich die Ohren zuhält.

Mit offenen Ohren und auch Augen verfolgte hingegen das Publikum in Schwedt Krystian Lupas „Wycinka“. Auch wenn die Vorstellung Schauspieler wie Zuschauer anstrengte – sie entwickelte vor allem in der zweiten Hälfte einen Sog, dem kaum zu entrinnen war. Nach viereinhalb Stunden gab es erschöpften, aber begeisterten Applaus.

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