Ein Agentenmärchen

Filmpolska läuft zwar noch ein paar Tage, aber für mich ist erstmal Schluss. Zum Ende des Workshops habe ich noch „Jack Strong“ gesehen, einen Riesenhit in Polen, der mir als „polnischer James Bond“ angekündigt wurde. Die Kritik in Kürze: Der echte James Bond ist mir lieber. Die Kritik in lang steht unten.

Es war einmal eine Welt ohne Zweifel. Coca-Cola-Rot unterschied sich klar vom Kommunisten-Rot, die Welt war aufgeteilt in zwei Blöcke, und dass die Vereinigten Staaten den Block der freien Welt führten, stand ebenso fest wie der Fakt, dass die Sowjetunion die Staaten im Osten Europas wie Vasallen unterdrückte. Diese Welt der Klarheit ist verloren; vielleicht hat es sie auch nie gegeben. Doch Wladislaw Pasikowskis “Jack Strong” spielt genau in einem solchen Szenario.
Der Agententhriller behandelt die wahre Geschichte von Ryszard Kuklinski. Der Oberst in der polnischen Volksarmee spionierte unter dem Decknamen Jack Strong für die CIA. Zwischen 1972 und 1981 verriet er den Amerikanern die Angriffspläne des Warschauer Paktes, welche Einheiten die Sowjets haben und wo sie sie stationieren. Mehr als 400 000 Seiten streng geheimer Informationen übermittelte er im Laufe der Zeit nach Washington. Bis er 1981 kurz vor der Verhängung des Kriegsrechts aus Polen floh. Im Grunde, und das behauptet der Film tatsächlich mehrfach, hat Jack Strong im Alleingang den Warschauer Pakt bezwungen.
Einfache, eindimensionale Aussagen wie diese reihen sich in “Jack Strong” pausenlos aneinander. Die Russen wollen einen enttarnten Spion loswerden? Sie werfen ihn in einen Hochofen. Die Amerikaner wollen sich für Kuklinskis Hilfe revanchieren? Sie zeichnen ihn mit einem Orden aus. Geradezu penetrant versucht Pasikowski, klar zu machen, auf welcher Seite er steht und auf welcher er doch bitte auch den Zuschauer sehen möchte. Für Zwischentöne, Differenzierungen und innere Konflikte ist kein Raum. Das ist zwar infantil, ließe sich aber beinahe ganz nett anschauen. Denn als Agententhriller ist “Jack Strong” zwar etwas glatt, aber gar nicht mal schlecht gemacht. Es gibt geheime Treffen, allerlei technischen Schnickschnack und eine rasante Verfolgungsjagd durchs vereiste Warschau. Pasikowski versteht es, Spannung zu erzeugen.
Doch genau in diesem Punkt überdreht er die Schraube auch: Parallel zur eigentlichen Handlung schneidet der Regisseur immer wieder Bilder von einem Verhör. Die Situation ist bedrohlich, sie suggeriert, dass Kuklinski enttarnt und verhaftet wurde. Pasikowski nimmt das billigend in Kauf, um dem Rest des Films die Spannung nicht zu nehmen. Dass das vermeintliche Verhör jedoch eher ein Gespräch ist, dass Kuklinski sicher in Washington sitzt und nun noch einmal, Jahre später, von seiner Spionage berichten soll, das verrät der Film erst ganz zum Schluss. Mit diesem Taschenspielertrick vernichtet Pasikowski jedes Vertrauen zu der Geschichte, die er zuvor fast zwei Stunden ausgewalzt hat. Er überrascht die Zuschauer damit nicht. Er stößt sie vor den Kopf.

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