Ohne Kompromisse

„Hardkor Disko“ ist ein Knaller. Man muss überhaupt nicht wissen, wie der Film entstand und was sein Regisseur Krzysztof Skonieczny dazu zu sagen hat, um zu sehen, dass der Streifen ein Werk ist, das zwar vor Selbstbewusstsein kaum laufen kann, damit allerdings absolut Recht hat. Im Rahmen des Medienworkshops von Filmpolska habe ich Folgendes über „Hardkor Disko“ aufgeschrieben. Der Text erschien ebenfalls im Blog des Festivals und auf der Seite „Berliner Filmfestivals„.

So wie sein Held Marcin kommt auch der Film “Hardkor Disko” aus dem Nichts. Das Drama des 31-jährigen Regisseurs Krzysztof Skonieczny entstand nicht nur ohne jede Filmförderung und redaktionelle Betreuung; es entstand vor allem ohne Kompromisse. Dabei sieht man das dem Debütfilm auf den ersten Blick gar nicht mal an: Wie ach-so-viele Regisseure der Berliner Schule vor ihm setzt Skonieczny auf spröde, in Grau-Blau getauchte Bilder, die Dialoge sind karg, die Handlung – und vor allem ihr Ende – offen.

In diesem Setting erzählt er die Geschichte von Marcin. Der hat keine Vergangenheit und spricht nicht viel. Er verfolgt jedoch offenbar ein Ziel, als er bei der Familie Wróblewski vor der Tür steht und dabei zufällig deren Tochter Olga in die Arme läuft. Später trifft er Olga wieder, sie gehen feiern, verbringen die Nacht zusammen, und vielleicht verlieben sie sich sogar. Doch “Hardkor Disko” ist keinesfalls eine Liebesgeschichte. Ohne zuviel verraten zu wollen: Es geht um Mord. Vermutlich aus Rache. Vermutlich, weil in Marcins Kindheit so einiges schief gelaufen ist. Konkret macht der Film das jedoch an keinem Punkt.

Eine Ebene über der anderen

Die Handlung, die sich streng am klassischen aristotelischen Drama orientiert, ist jedoch nur die eine Ebene. Und bei weitem nicht die wichtigste, wie Skonieczny am Freitagabend beim Filmgespräch berichtet. Er will den Film als Palimpsest verstanden wissen. “Es wird mehr versteckt als gezeigt”, betont er. In der Tat schichtet Skonieczny in “Hardkor Disko” geschickt eine Ebene über die andere. Das beginnt bereits bei den Bildern. Gegen kalte, streng durchkomponierte Aufnahmen schneidet er krisselig-verwackelte VHS-Clips, die Olga als junges Mädchen zeigen. Von Marcin gibt es solche Aufnahmen nicht. Stattdessen zeigt eine Szene in unendlicher Zeitlupe, wie er einen Molotow-Cocktail auf einen Polizeiwagen wirft.

Um den Film zu strukturieren, verwendet Skonieczny Texttafeln, auf denen in krakeliger Kinderschrift der jeweils nächste Abschnitt benannt wird: “Vatertag”, “Muttertag”, “Kindertag”. Auch die Kameraarbeit an sich ist vielfältig, ohne ins Willkürliche abzugleiten. Auf Partys nimmt sie die Zuschauer mit ins Gewühle; bei Fahrten aufs Land fängt sie die Weite der Landschaft in großen, streng symmetrischen Bildern ein. Dass “Hardkor Disko” dabei Filme anderer Regisseure zitiert, ist nicht zu übersehen. Vor allem Lars von Trier und Jim Jarmusch sind hier zu nennen.

Fast wortlos gibt Marcin Kowalczyk den Helden mal bedrohlich, mal zärtlich

Das Wichtigste an dem Film sind jedoch die Schauspieler. Skonieczny erzählt, dass er erst anfing, das Drehbuch zu schreiben, als er den Cast vollständig hatte. “Wäre nur ein Schauspieler abgesprungen, hätte ich den Film nicht gemacht.” Was in dieser Konsequenz ein unglaubliches Wagnis ist, zahlt sich aus. Agnieszka Wosińska und Janusz Chabior spielen das versnobte Elternpaar mit wunderbarer Selbstverständlichkeit. Jaśmina Polak ist als quecksilbrige Olga zugleich eine wahre Granate im Cast dieser Low-Budget-Produktion und ein wunderbares Gegengewicht zu Marcin Kowalczyk, der den wortkargen Marcin äußerst facettenreich gibt. Die Bedrohlichkeit dieses Helden bringt er ebenso subtil auf die Leinwand wie kurze Momente der Zuneigung und Zärtlichkeit. Und das, obwohl ihm kaum Worte zur Verfügung stehen.

Folgerichtig sind sowohl die Hauptdarsteller als auch der Film selbst beim Debütfilmfestival in Koszalin ausgezeichnet worden. Krzysztof Skonieczny zeigt mit “Hardkor Disko”, wie unnachgiebig und kompromisslos er Filme zu machen versteht. Er hat damit – trotz allen Zweiflern an seinem Projekt – einen veritablen Pflock eingeschlagen.

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