Zeit zum Entrümpeln

Endlich wieder Filmfestival! Im Rahmen von Filmpolska nehme ich in diesem Jahr am Medienworkshop des Festivals teil. Und weil ich dort nicht nur das Festival-Blog in Ordnung gebracht, sondern auch noch den einen oder anderen Text geschrieben habe, reiche ich diese hier nach. Los geht’s mit „Kleine Dellen“, dem Debüt-Spielfilm von Aleksandra Gowin und Ireneusz Grzyb.

Wer von dem Film “Kleine Dellen” erwartet, dass er sich mit den kleinen Dellen beschäftigt, der liegt falsch. Bei Kleinigkeiten lässt es der Debüt-Spielfilm des Regie-Duos Aleksandra Gowin und Ireneusz Grzyb nicht beruhen. Das macht der Film, der im vergangenen Jahr über europäische Festivals getingelt ist und nun bei Filmpolska in Berlin gezeigt wird, von Anfang an klar. “Wisst Ihr, wie meine Frau umgebracht wurde?”, fragt der 80-Minüter als ersten Satz und reicht die Antwort direkt hinterher: durch einen hinterhältigen, unmotivierten und völlig sinnlosen Mord. Es geht also um die großen Themen in “Kleine Dellen”. Neben dem Todesthema, das sich als ein roter Faden durchzieht, stehen die Beziehung zu den Eltern, die Liebe und das Begehren auf dem Programm.

Mittel- und Drehpunkt des Filmes sind drei junge Erwachsene. Kasia und Asia betreiben ein Entrümpelungs- und Transportunternehmen. Sie räumen die Wohnungen Verstorbener aus und verkaufen deren Hab und Gut; notfalls würden sie aber auch Leichen in ihrem orangefarbenen Opel transportieren. Piotr stößt zu ihnen, nachdem er erst seine Ehefrau und dann seine Arbeit verloren hat. Gemeinsam ist den dreien ein Hang zum Ausweichen. Piotr etwa vermeidet es, seine Mutter zu besuchen; Kasia wagt es kaum, Asia ihre Liebe zu gestehen; und Asia selbst lässt sich nicht einmal berühren. Die Welt könne sonst untergehen, fürchtet sie.

Diese Furcht ist natürlich nur halb-ernst gemeint. So wie der gesamte Film die eigene thematische Schwere konsequent ironisch bricht. Das gelingt ihm durch viel Witz. Nicht nur die Dialoge sind hinreißend pointiert, auch die Story rutscht immer wieder ins Absurd-Humorige. Ob sich Piotrs Mutter gleich den ganzen Kopf verbindet, um eine Krankheit zu simulieren, oder Piotr beauftragt wird, ein Grab für den Opel auszuheben, und nichts weiter als eine Mini-Schaufel im Kofferraum vorfindet — “Kleine Dellen” bordet über vor witzigen Einzelszenen.

Das betrifft allerdings auch die Bildsprache. “Die Idee hinter dem Film war es, Filmemacher bei ihren ersten Schritten ins Geschäft zu unterstützen”, verrät das Presseheft. Und das sieht man dem Film deutlich an. Hier haben die Macher versucht, gleich eine ganze Palette filmischer Mittel unterzubringen. Sie arbeiten mit einer Ästhetik irgendwo zwischen Instagram-Chic und Ikea-Katalog, sie nutzen Splitscreens, und, ja, ihnen gelingt es sogar, ein Konzert der Band Enchanted Hunters unterzukriegen, die die Musik für den Film beigesteuert hat. Aleksandra Gowin und Ireneusz Grzyb zeigen in ihrem Debütfilm, was sie alles können und wie kreativ sie sind. Ein wenig Entrümpeln hätte dem Film gut getan.

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