Beziehungsstatus: kompliziert

Manchmal ist es fast zum Heulen. Da gastiert Krystian Lupa, der Lehrmeister des polnischen Theaters, mit seiner gefeierten Inszenierung „Wycinka/Holzfällen“ nach Thomas Bernhard in Schwedt — und hierzulande kräht kein Hahn danach. Gerade einmal 30 der 500 verkauften Karten sind in Deutschland verkauft worden. Den Rest hat das Stettiner Theaterfestival „Kontrapunkt“, in dessen Rahmen das Gastspiel stattfand, an den Mann gebracht. Das ist schade, denn das Interesse war mit Sicherheit da. Als Krzysztof Warlikowski vor drei Jahren mit den „Afrikanischen Erzählungen“ an der Schaubühne gastierte, war das Haus voll.

Wie dem auch sei: Im Foyer der Uckermärkischen Bühnen wurde am 19. März in erster Linie polnisch gesprochen. Ich hatte Glück, dass mir beim Gespräch mit der Schauspielerin Ewa Skibińska ihr Kollege Ireneusz Rosinski sprachlich unter die Arme griff. Krystian Lupa, mit dem ich eigentlich verabredet war, konnte nicht kommen. Er war krank. Stattdessen berichtete mir Ewa Skibińska von der Arbeit mit Lupa, von der angespannten Situation der Theater in Polen und davon, was Thomas Bernhards „Holzfällen“ für sie ausmacht. 

Nachtrag: Die Besprechung des Stücks, die am 21. April in der MOZ gedruckt zu lesen war, habe ich hier nachgereicht.

Frau Skibinska, Thomas Bernhards „Holzfällen“ ist auch ein Roman über Kunst und über das Theatermachen. Gerade letzteres wird in Polen in letzter Zeit kontrovers diskutiert. Inwiefern schlägt sich das in Krystian Lupas Inszenierung von „Wycinka/Holzfällen“ nieder?

Die in dem Stück behandelten Themen sind universell. Das war für Krystian Lupa ein Grund, gerade jetzt „Wycinka“ in Polen zu inszenieren. Sowohl der Roman als auch das Theaterstück handeln von der Stellung des Schauspielers im Allgemeinen, aber auch von der Stellung des Schauspielers als Menschen. Ein starker Aspekt ist der klagende Ton, in dem die Beziehung zwischen Künstlern und Machthabenden verhandelt wird. Ein weiterer ist die Frage, was passiert mit einem Menschen, Schauspieler, Künstler im Laufe der Zeit. Es gibt da bestimmte Einschnitte: Erst ist man kreativ, möchte sich entwickeln. Später kommt der Erfolg. Welchen Einfluss haben Erfolg und Ruhm auf das Schaffen? Was passiert dabei mit der Kreativität, mit der Gier nach Arbeit?

Diese Beziehung zwischen Kunst und Macht ist in Polen derzeit eher kompliziert. Theater wird vonseiten der Rechten und der Kirche heftig kritisiert; es mussten sogar Vorstellungen abgesagt werden. Was geht da gerade vor? Und wie erklären Sie sich das?

Ich denke, dass die polnische Gesellschaft leider sehr rechts ist, sehr katholisiert. Die Kirche hat sehr viel Einfluss auf Meinungen und auf die Meinungsfreiheit, beziehungsweise sie versucht, Einfluss zu nehmen, was ihr Gott sei Dank nicht immer gelingt, denn die Kirche in Polen ist sehr konservativ. Dazu kommt, dass die Politik die Kunst marginalisiert. Die Kunst, das Theater, Bildende Kunst haben nicht so einen großen Stellenwert, um gut gefördert zu werden. Die Theater müssen um Reputation, ums Geld und ums Überleben kämpfen. Und gleichzeitig wird auch die kulturelle Bildung immer weniger gefördert; an den Schulen wird viel zurückgefahren.

Das ist schlimm, aber ich muss auch sagen: Gott sei Dank leben wir in einer freien Gesellschaft, in einer Demokratie. Die Künstler wehren sich gegen solche Angriffe.

Krystian Lupa etwa hat sich in die Diskussion eingeschaltet. In der Wochenzeitschrift „Tygodnik Powszechny“ schrieb er: „Niemand betreibt aggressive Blasphemie, niemand dringt mit antichristlichen Symbolen in Kirchen ein. Sie sind es, die vor dem Theater zusammenkommen, das ihnen bisher fremd war, um sich verletzt zu fühlen.“ Ist es Aufgabe des Künstlers, sich einzumischen, Gehör zu verschaffen?

Natürlich, absolut! Das ist die Rolle eines Künstlers. Und Krystian Lupa ist eine absolute Autorität, der zugehört wird. Doch auch andere Künstler nehmen Teil an gesellschaftlichen Diskussionen, gerade zu diesem Thema. Das ist wichtig. Die Sache mit dem Malta Festival etwa ist noch nicht beendet: Der Stadtpräsident von Posen hat jüngst an die Organisatoren appelliert, dass es künftig keine solchen Kontroversen gibt. Wie kann man das machen? Gerade da muss man als Künstler appellieren, an die Meinungsfreiheit, an die Kunstfreiheit. Kunst darf sich nicht begrenzen lassen.

Bringt das was?

Ich will mit einer Anekdote antworten: Als „Gologta Picnic“ in Breslau aufgeführt werden sollte, hatten sich sehr viele Neonazis Eintrittskarten besorgt. Sie wollten die Aufführung wohl stören. Statt „Golgota Picnic“ haben sie dann jedoch eine ganz andere Inszenierung gesehen. „Termopile Polskie“ von Jan Klata, modernes polnisches Theater; ein hervorragendes Stück. Und davon waren die so beeindruckt, dass sie keinen Grund mehr sahen, Randale zu machen. Sie haben jegliche Motivation verloren, weil die Aussage der Aufführung so scharf und kompromisslos war. Allein der Priester ist mit seinen Gläubigen nicht gekommen. Der Intendant hatte ihn zwar eingeladen, damit er sehen kann, wogegen er eigentlich protestiert. Aber er kam nicht.

Wie sehr leidet die Theaterlandschaft unter solchen Konflikten?

Natürlich leidet das Theater. Berufsgruppen wie Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle sind in den Strukturen der Macht kaum vertreten. Und solche Diskussionen helfen nicht, das zu ändern.

Zugleich ist das Millieu sehr sensibel gegenüber jeglicher Begrenzung, jeglicher Kontrolle. Man kennt das ja von vor 1989, nur dass es jetzt um wirtschaftliche Grenzen geht. Doch auch in diesem Punkt lassen die Künstler in Polen keine Kontrolle über sich ergehen. Dagegen protestieren sie, leidenschaftlich.

Denken Sie dennoch, dass es leichter ist im Ausland zu arbeiten? Krystian Lupa hatte ja „Wycinka/Holzfällen“ auch in Graz inszeniert, bevor er das Stück auf die Bühne des Teatr Polski brachte.

Das kann ich nicht beantworten, das weiß ich nicht.

Ich weiß aber, dass die Art und Weise, wie Lupa seine Stücke im Ausland inszeniert, hat für die Ensembles dort sehr gewinnend ist. Die Schauspieler im Ausland nehmen seine Arbeitsweise gern an. Sie entdecken durch ihn das Theater aufs Neue, sie lernen viel dazu. Umso schöner ist es auch für das Teatr Polski in Breslau, dass Lupa immer wieder dort inszeniert.

Sie sprechen mit großem Respekt von Herrn Lupa. Wie würden Sie seine Arbeitsweise beschreiben?

Lupa ist ein großer Mann. Es ist ein großes Abenteuer mit ihm zu arbeiten. Man muss als Schauspieler alles geben, er verlangt von einem sehr viel, aber ebenso von sich selbst. Er ist ein großer Philosoph, Literaturkenner. Er ist sehr jung in seiner Seele. Es ist als würde man jedes Mal neu seinen Beruf lernen.

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