„Sie wissen, dass die Gesellschaft sie für den letzten Dreck hält“

Ich halte mich für tolerant. Und doch ging der Film „Danielův Svět“ (Daniel’s World), der bei der Berlinale im Panorama lief, an die Grenzen meiner Toleranz. Veronika Lišková porträtiert darin den 25-jährigen Daniel — einen Pädophilen. Ihr gelingt ein einfühlsamer Streifen, der ganz offenbar an die Grenzen der Toleranz gehen will. Lišková wirbt für Verständnis, ohne sexuelle Übergriffe zu verharmlosen. „Der Film stigmatisiert Menschen mit einer geächteten Veranlagung nicht, sondern zeigt ihre Nöte und Ängste“, schrieb Barbara Breuer in der MOZ. Doch der Film beantwortet nicht alle Fragen. Kurz nach der Berlinale habe ich mich deshalb mit Jens Wagner und Hannes Gieseler von der Berliner Charité getroffen. Beide arbeiten für das Projekt „Kein Täter werden„, das Pädophilen seit zehn Jahren Hilfe anbietet, und haben mir einige meiner — durchaus naiven — Fragen beantwortet.

Herr Gieseler, Herr Wagner, was wird unter Pädophilie und unter Pädosexualität verstanden?

Gieseler: Der Begriff Pädophilie bezeichnet die sexuelle Ansprechbarkeit auf den kindlichen Körper. Pädosexualität steht hingegen für sexuelle Handlungen vor, an oder mit Kindern.

Wagner: Pädosexuelle Handlungen bezeichnen und beschreiben damit ausschließlich eine sexuelle Verhaltensäußerung und nicht automatisch eine möglicherweise im Hintergrund stehende Pädophilie. Das ist der Übergriff auf ein Kind, unabhängig davon, ob der Täter pädophil ist oder nicht.

Weiß man, wie Pädophilie entsteht, und lässt sie sich heilen?

Wagner: Nein, die Entstehung ist nicht abschließend erforscht. Aber es ist wahrscheinlich, dass biologische, psychische sowie soziale Faktoren eine Rolle spielen.

Gieseler: Pädophilie ist nach allem, was wir wissen, auch nicht heilbar. Aber wir können die damit verknüpften psychischen Probleme und Verhaltensstörungen wirksam behandeln.

Sie haben jüngst Diskussionen zum Dokumentarfilm „Daniels Welt“ begleitet. Worum geht es in dem Film?

Gieseler: Das ist ein anschauliches Porträt eines 25-Jährigen, der sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlt, von seinen romantischen Gefühlen zu einem Achtjährigen erzählt und dem klar ist, dass er seine Neigung niemals ausleben kann und will.

Der Film wirbt für Verständnis. Zu Recht?

Gieseler: Es besteht – durchaus berechtigt – die Angst, dass unsere Kinder missbraucht werden. Was aber nicht stimmt, ist die automatische Verknüpfung zwischen Pädophilie und Kindesmissbrauch. Nicht jeder Pädophile begeht sexuellen Kindesmissbrauch, und nicht jeder Sexualstraftäter ist pädophil. Darüber müssen wir viel mehr sprechen! Es gibt Pädophile. Das muss man als sexuelle Minderheit anerkennen.

Besteht bei einer solchen Diskussion die Gefahr, die Opfer aus dem Blick zu verlieren?

Wagner: Da wird dann genau das wieder vermischt: Pädosexuelle Übergriffe können von Pädophilen begangen werden – aber auch von Ersatzhandlungs-Tätern. Wir wollen keinen Übergriff verharmlosen. Es muss aber zwischen Neigung und Verhalten getrennt werden. Man kann die Menschen nur nach ihrem Verhalten beurteilen. Wir sehen das bei Betroffenen, die darunter leiden. Sie wissen, dass die Gesellschaft sie für den letzten Dreck hält. Auch wenn sie noch nie ein Kind missbraucht haben.

Kollegen aus Dresden haben dazu eine Befragung gemacht: Würden Sie einen Pädophilen, der noch nie ein Kind missbraucht hat, in Ihrem Bekanntenkreis akzeptieren? Die Zustimmung lag bei unter zehn Prozent. Würden Sie ihn lieber im Gefängnis sehen? Knapp 40 Prozent stimmten zu. Lieber tot? Über zehn Prozent. Das ist fatal.

Weshalb?

Wagner: Es führt dazu, dass die Menschen sich zu Unrecht für Abschaum halten, und zudem behindert es die Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs. Stellen Sie sich vor, ein Alkoholiker dürfte nicht zu seiner Sucht stehen und könnte ein Glas Wein nicht mit der Begründung, Alkoholiker zu sein, ablehnen! Da fehlt die soziale Kontrolle, die hilft, nicht rückfällig zu werden.

Daniel sagt, dass er den Achtjährigen liebt. Ist das dieselbe Liebe, die Nicht-Pädophile für ihren Partner empfinden?

Gieseler: Ja. Natürlich träumen Pädophile auch davon, mit einem Kind eine sexuelle Beziehung zu führen, geliebt und begehrt zu sein. Selbst wenn sie wissen, dass das nicht möglich ist.

Würde es helfen, Pädophilen den Kontakt zu Kindern unmöglich zu machen?

Wagner: Wir müssen uns bewusst machen, dass bereits jetzt viele Menschen mit einer pädophilen Präferenz mit Kindern arbeiten. Und bei weitem nicht jeder von ihnen begeht sexuellen Kindesmissbrauch.

Gieseler: Daniel kennt die Situationen, in denen es riskant werden könnte. Deswegen hat er die Eltern des Jungen informiert. Das ist ein großer Schritt der sozialen Kontrolle – und der Verantwortungsübernahme.

Wieviele Pädophile gibt es?

Wagner: Bei einer aktuellen Studie gaben vier Prozent der Männer an, sich sexuell zu Kindern hingezogen zu fühlen.

Gieseler: Das sind aber nicht immer Männer, die ausschließlich auf Kinder reagieren. Es kann auch sein, dass sie Erwachsene bevorzugen und merken: Von Kindern fühle ich mich ebenfalls sexuell angezogen.

Sind auch Frauen betroffen?

Wagner: Wir hatten in Berlin von 2100 Kontaktaufnahmen weniger als 20 Frauen. Eine einzige hat die Diagnose Pädophilie bekommen. Es gibt aber sehr wohl weibliche Täterinnen sexuellen Missbrauchs. Vorsichtig geschätzt sind 10 bis 20 Prozent der Täter weiblich. Es ist davon auszugehen, dass die meisten dieser Taten andere Gründe als eine pädophile Präferenz haben.

Wie groß ist der Anteil an Übergriffen, die nicht von Pädophilen begangen werden?

Wagner: Den vorliegenden Daten zufolge werden etwa 60 Prozent der sexuellen Übergriffe nicht von Pädophilen begangen.

Wie kann das sein?

Gieseler: Solche Übergriffe bezeichnen wir als Ersatzhandlungen für gewünschte sexuelle Interaktionen mit Erwachsenen, die nicht sozial adäquat realisiert werden können. Ein Grund dafür könnte sein, dass Männer nicht in der Lage sind, mit Gleichaltrigen Kontakt herzustellen. Aber es gibt noch andere Ursachen, wie eine Persönlichkeitsstörung oder Intelligenzminderung.

Daniel wird im Film als positives Beispiel gezeigt. Er hat seine Lust im Griff und lebt in einem intakten sozialen Umfeld. Wie häufig kommt das vor?

Gieseler: Das ist aus unserer Erfahrung eher selten. Die meisten Betroffenen, die hierher kommen, sprechen hier zum ersten Mal über ihre sexuelle Neigung.

Wagner: Man muss sich ja nur selbst hinterfragen, ob man das Umfeld hätte, dem man es anvertrauen könnte.

Welche Folgen hat das dauernde Verstecken?

Wagner: Die meisten Betroffenen leiden unter Begleiterkrankungen, sehr viele haben Depressionen. Das hat damit zu tun, dass sie über etwas Elementares nicht sprechen können und dadurch ausgegrenzt sind. Kommunikation ist aber elementar wichtig in Beziehungen.

Wie helfen Sie Pädophilen?

Gieseler: Bei „Kein Täter werden“ gibt es zuerst eine ausführliche Diagnostik. Dann kommen wir zu der Einschätzung, ob eine Therapie helfen kann. In der Therapiegruppe geht es darum, Risikosituationen zu erkennen und zu senken. Wir arbeiten auch mit Angehörigen. Im weitesten Sinne geht es darum, Verantwortung zu übernehmen, sich nicht für seine Fantasien zu verurteilen und Verhaltenskontrolle zu erlernen.

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