Alles auf Null

Wie wunderbar es ist, unverhofft über ein herausragendes Buch zu stolpern! Mir ist das vor knapp anderthalb Jahren passiert, als ich zufällig bei Youtube (keine Ahnung, ob das Video noch da ist) über die Aufzeichnung des Bachmann-Preises gestolpert bin, bei der sich die Jury über Roman Ehrlichs Text „Das kalte Jahr“ streitet. Sowohl Lob als auch Verriss haben mich neugierig auf den Roman gemacht, und wenig später warb ich selbst flammend für ihn. In der MOZ schrieb ich damals dies:

Eigentlich will er nur mal raus. Ein paar Tage am Meer verbringen, etwas nachdenken, für die alltäglichen Abläufe in der Stadt bringe er „keine Geduld mehr auf“, heißt es gleich zu Beginn. Nachdem sich der namenlose Ich-Erzähler in Roman Ehrlichs Roman „Das kalte Jahr“ mitten im Winter zu Fuß auf den Weg in seine Heimatstadt gemacht hat, zieht er wieder in sein Elternhaus ein. Dort jedoch ist alles anders. Statt seiner Eltern findet er in dem Haus einen Jungen vor. Richard heißt er, und er ist ein seltsames Kind. Selbstständig und scheu zugleich. Ohne es wirklich zu wollen, nimmt sich der Erzähler seiner an. Er sorgt für ihn.

Das ist auch nötig, denn obwohl sich augenscheinlich noch alles an seinem Platz befindet – im Haus, wie im Ort –, ist doch alles anders und bedrohlich. Der Schnee fällt unentwegt, die Sonne lässt sich wochenlang nicht blicken, und die wenigen Bewohner des Küstenortes, die überhaupt in dem Romanerscheinen, haben sich damit anscheinend arrangiert.

Ihnen, mit ihnen dem Erzähler und damit auch dem Leser sind die Koordinaten abhanden gekommen. Worte wie „heute“ und „gestern“ haben keine Bedeutung mehr, selbst oben und unten verschwimmen im Schneegestöber. Raum, Zeit und letztlich auch Sinn gehen verloren.

Das ist jedoch noch nicht alles. Eingewoben in die Erzählung sind Berichte von historischen Unglücken wie dem großen Brand, der 1871 Chicago in Schutt und Asche legte, und von Naturkatastrophen wie dem Ausbruch des Vulkans Sumbawa in Indonesien 1815, der im Jahr darauf für Missernten und Hungersnöte auf der ganzen Nordhalbkugel sorgte. Dazu kommen Schwarz-Weiß-Fotografien und Grafiken, die vermeintlich die Fakten belegen.

„Das kalte Jahr“ ist ein verstörender, düsterer und rätselhafter Roman. Ehrlich hat zwar nicht unbedingt eine Post-Apokalypse geschaffen, wie es einige Interpreten erkannt haben wollen. Das gibt sein Text nicht her. Gekonnt entwirft er jedoch eine überzeugende Dystopie, einen schlechten Ort.

Als der 1983 geborene Autor im Juli beim Bachmannpreis im österreichischen Klagenfurt las, hatte die Jury anschließend großen Gesprächsbedarf. Jurorin Meike Feßmann meinte, sie könne „nicht erkennen, worauf dieser Text hinausläuft“. Hubert Winkels hingegen war von der „Immanenz der desolaten Situation“ überzeugt. Bei der Preisverleihung ging „Das kalte Jahr“ schließlich leer aus.

Das könnte daran gelegen haben, dass Ehrlich mit dem Roman seinem eigenen Anspruch sehr nahekommt: „Mein Erfahrungsraum muss verlassen werden in den Texten“, sagt er. Das überrascht, denn Ehrlich hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert, und die Institutsliteratur steht im schlechten Ruf, zu oft lediglich platte Lebensnähe zu produzieren.

Roman Ehrlich hingegen erschafft einen eigenen Erfahrungsraum. Seine Erzählung kommt wie aus dem Nichts, so wie der Entschluss seines Erzählers, die Stadt zu verlassen. Ehrlich setzt alles auf Null, um erzählerisch gekonnt und sprachlich fein seine eigene Welt zu entwerfen. Dass dieser Anspruch auf ganz wunderbare Weise auch mit dem Erzählten – den historischen Großkatastrophen einerseits, dem Verlassen der Stadt andererseits – korrespondiert und Ehrlich seine Poetik auf diese Weise gleich doppelt in den
Text einschreibt, macht „Das kalte Jahr“ zu einem aufrichtigen,
 autonomen Sprachkunstwerk.

Advertisements