Mit Freude unter den Halbmond

Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ wird wohl für immer mit den Attentaten auf „Charlie Hebdo“ verbunden bleiben. Das macht die Lektüre des Buches nicht einfacher. Für die MOZ habe ich mich zum Erscheinungstermin am 16. Januar an eine Besprechung gewagt. Da online nur meine Ankündigung des Buches zu finden ist, folgt hier die komplette Rezension.

Die letzte Ausgabe von „Charlie Hebdo“ vor den Anschlägen zeigte Michel Houellebecq auf dem Titel. Sein Roman „Unterwerfung“ und das Attentat – sie sind unweigerlich verquickt. Nicht zuletzt auch, weil Houellebecq in seiner politischen Fiktion die Islamisierung Frankreichs ausmalt. Noch vor Erscheinen des Romans warnten Kommentatoren, der Autor spiele rechten Rattenfängern in die Hände.

Heute erscheint die deutsche Übersetzung, am Montag will Houellebecq das Buch persönlich in Köln vorstellen. Deutsche Leser bekommen damit erstmals die Gelegenheit, „Unterwerfung“ selbst zu lesen und zu überprüfen, ob der Wirbel um den Roman gerechtfertigt war.

Sie werden feststellen: Er war es nicht. Denn mit kühlem Kopf gelesen, zeigt sich, dass „Unterwerfung“ keine Schreckensvision ist und auch keine religiösen Gefühle verletzt. Vielmehr zielt Houellebecqs Satire auf das Establishment der Mitte: Der Autor hält der offenen und humanistischen Gesellschaft den Zerrspiegel vor. Darin erscheint sie dekadent, heruntergekommen und impotent.

Den richtigen Helden dafür hat er zur Hand: Der Literaturwissenschaftler François ist ein wahrer Waschlappen. Er selbst sagt, er sei „politisiert wie ein Handtuch“, und diese Textil-Metapher lässt sich auf andere Lebensbereiche übertragen. Psychisch labil und sexuell frustriert, gibt sich François völlig desillusioniert und desinteressiert. Ausnahmen macht er nur für sehenswerte Miniröcke, kostspielige Spirituosen und den Dekadenz-Schriftsteller Joris-Karl Huys­mans. Über Huysmans hatte François einst eine bahnbrechende Promotion verfasst; diese intellektuellen Höhenflüge sind jedoch vorbei.

Durch François’ Augen lässt Houellebecq den Leser auf die Welt im Jahr 2022 blicken. Ein neuer Präsident wird gewählt, und die politische Landschaft in Frankreich steht Kopf. Weder den Sozialisten noch den Konservativen gelingt es, ihre Kandidaten in die Stichwahl zu bringen, und so tritt schließlich Front-National-Chefin Marine Le Pen gegen Mohammed Ben Abbes, den Kandidaten der Bruderschaft der Muslime, an. Dank der Unterstützung von Mitte-Links und Mitte-Rechts gelangt Ben Abbes an die Spitze des Staates.

Oben angekommen, gestaltet der charmante und geschickte Politiker Frankreich zum islamischen Staat um. Die Veränderungen sind zwar – vor allem im Bildungs- und Sozialbereich – tiefgreifend, für François jedoch akzeptabel. Zwar verliert er als Nicht-Muslim seine Stelle an der Sorbonne; die Pension aber ist mehr als üppig. Auch mit dem Verschwinden von Decolletés aus dem Stadtbild kann er sich anfreunden, schließlich wird die Vielweiberei eingeführt. Alkohol bleibt erlaubt. Einzig das Verschwinden der Frauen aus der Öffentlichkeit nimmt den Partys ihren Reiz. Dafür befriedet Ben Abbes, der „geschickteste und durchtriebenste“ Politiker seit Mitterrand, nach Jahren sozialer Spannungen die französische Gesellschaft. Für François ist dies keine Schreckensherrschaft – er genießt es geradezu, sich im Islam zu verlieren. Zum ersten Mal überhaupt taucht hier ein bislang unbekanntes Element in Houellebecqs Schreiben auf: Hoffnung.

Die Hoffnung ist jedoch vergiftet, denn sie gilt nicht für alle: Frauen werden vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, die ungleiche Verteilung von Reichtum ist konstitutiv für den islamisch-französischen Staat. Houellebecq deshalb vorzuwerfen, er spiele Islamfeinden in die Hände, ist allerdings falsch. Schließlich stellt er rechte Gruppen in gedankliche Nähe zu den Moslems: „Ihr Kampf sei in jeder Hinsicht derselbe.“ Der Autor warnt nicht vor einer Islamisierung des Abendlandes, denn genauso gut hätte der Front National an die Macht kommen können. Houelle­becqs Thema ist vielmehr der Untergang der liberalen Demokratie, deren Vertreter der Islamisierung friedlich – einige 
sogar freundlich – zustimmen.

Die Empörung dieser Vertreter wird der Starautor schon beim Schreiben vorausgeahnt haben. Und so ergießt er in „Unterwerfung“ über keinen Politiker so viel Spott wie über François Bayrou, den real existierenden Chef der Mitte-Partei „Demokratische Bewegung“. „Was Bayrou so einzigartig macht, ist seine Dämlichkeit“, heißt es an einer Stelle; an einer anderen, er sei ein „politisches Tier ohne Konturen“. Bayrou ist der Stellvertreter aller Gemäßigten, auf die Houellebecq mit Abscheu und Hohn blickt. Genüsslich malt er deren Verhalten aus, das doch so sehr an die Kollaborateure während der Besetzung durch die Nazis erinnert. Er zeigt dabei, welches Talent als Satiriker in ihm steckt.

Allzu ernst ist diese Satire allerdings nicht zu nehmen, denn trotz der literarischen Qualität stiehlt sich Houellebecq aus der Verantwortung: Zwar heißt es zu Beginn von „Unterwerfung“, „ein Autor ist zuvorderst ein Mensch, der in seinen Büchern gegenwärtig ist“. Doch Houellebecq ist hier nirgends gegenwärtig. Er weist jede Verantwortung von sich, sogar im Romantext selbst. „Unterwerfung“ ist voll von solchen Hakenschlägen: Kaum einem Gedanke wird nicht an anderer Stelle widersprochen. Der Erzähler-Waschlappen François ist sowieso höchst unzuverlässig. Er muss sich die Welt ja selbst von den anderen Figuren erklären lassen. Nicht einmal den Übertritt zum Islam vollzieht François wirklich. Vielmehr wechselt der Autor zuvor in den Konjunktiv. „Ich hätte nichts zu bereuen”, schließt er die Geschichte. Er stellt sich die Konversion nur vor.

Als Vorstellung, als Gedankenspiel ist schließlich der ganze Roman zu lesen. Michel Houellebecq schlägt sich auch auf keine Seite. Er schreibt nur auf, was er sieht, und würzt dies mit politischer Unkorrektheit etwa Frauen gegenüber – allerdings kaum deftiger als in den vorherigen Romanen. Die Muslime lässt er dabei in Ruhe. Wenn man ihm etwas vorwerfen kann, dann, dass er mit doppeltem Boden schreibt.

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