„Unterkünfte sind wichtig, gute Unterkünfte!“

Ich muss es zugeben: Als ich mich im vergangenen Jahr auf die Berlinale vorbereitet habe und spät nachts noch Till Kleinerts „Der Samurai“ im Stream anschaute, hatte ich zunächst nicht viel erwartet. ‚Die werden schon wissen, warum der in einer Untersektion mitten in der Nacht läuft‘, dachte ich mir. Umso mehr wurde ich von der Wucht des nur 72 Minuten kurzen Filmes überrascht und fortgerissen.

Schon wenige Tage darauf, kurz vor Festivalstart, habe ich mit Regisseur Till Kleinert über den Film gesprochen, damals recht kurz angebunden am Telefon. Nun, ein Jahr später, will ich wissen, was aus „Der Samurai“ geworden ist, und Till hat sich die Zeit für ein längeres Gespräch genommen, das verkürzt am 6. Februar im Rahmen der Berlinale-Berichterstattung der Märkischen Oderzeitung erscheint. Ich treffe ihn Mitte Januar in einem Café am Rosa-Luxemburg-Platz. Till ist nicht nur pünktlich, er spricht auch überlegt und konzentriert, sodass wir uns nicht nur über die Rezeption des „Samurai“ unterhalten können, sondern auch noch Zeit haben, über das Filmemachen allgemein und den Dreh in Brandenburg im Speziellen zu sprechen.

Till, Du hast Deinen Hochschul-Abschlussfilm bei der Berlinale untergebracht. War es schwierig, da reinzukommen?

Sowas kommt immer wieder vor — auch dieses Jahr gibt es zum Beispiel drei Abschlussfilme von der dffb, die auf der Berlinale laufen. Das ist nicht komplett ungewöhnlich. Im Jahr entstehen sechs bis acht Abschlussfilme an der dffb, und pro Jahr laufen vielleicht einer bis drei Filme bei der Berlinale. Das ist nicht komplett unwahrscheinlich, obwohl ich nicht genau weiß, woran das liegt. Soweit ich weiß, gibt es keine besonderen Verbindungen, die da eine Rolle spielen.

Till Kleinert © Salzgeber

Ich hab mich natürlich trotzdem sehr gefreut. Auch weil ich als Zuschauer selbst die Berlinale stark frequentiere — und mag. Es gibt ja viele Zuschauer, die sich beklagen: Ach, Cannes ist doch viel besser, und Venedig sowieso. Ich schätze gerade den Umfang der Berlinale. Um einen Überblick zu bekommen über das, was so passiert, um Sachen zu sehen, die sonst vielleicht nie wieder irgendwo gezeigt werden, ist die Berlinale optimal. Es macht sehr stolz, da zu laufen.

Dein Film lief zusammen mit Axel Steins Regiedebüt „Tape_13“ in den Midnight Movies, einer Untersektion der Perspektive, in der um Mitternacht zwei Genrefilme gezeigt wurden. War es eher Vor- oder Nachteil, zu diesem speziellen, späten Termin gezeigt zu werden?

Tatsächlich wurden die Filme um 23 Uhr gezeigt. Wohl weil nach Mitternacht auch… Dafür ist die Berlinale noch nicht bereit.

Ich denke, für unseren Film waren die “Midnight Movies” ziemlich gut. Der Film ist kein reiner Genrefilm. Es ist kein reiner Horrorfilm. Aber er spielt natürlich mit Motiven, mit einer Kategorie, wo man eher versuchen würde, Leute mit einem Interesse an abwegigeren Genres anzusprechen. Dafür ist so eine Mitternachtssektion natürlich nicht schlecht. Das hat dadurch auch dazu geführt, dass Kuratoren anderer Festivals auf den Film aufmerksam geworden sind. Und in der Folge lief der Film wahnsinnig gut international auf Festivals. Ich war das ganze Jahr unterwegs, kaum in Berlin. Einfach weil es so viele Festivals gab, auf die ich reisen konnte.

Was waren das für Festivals?

Ich war beim Tribecca Festival, einem der großen amerikanischen Festivals, und auch da in der Mitternachtsschiene. Die haben das sozusagen übernommen. Von da ausgehend viel und vor allem auf fantastischen Festivals, mit den Schwerpunkten Horror, Thriller, Fantastik, Genrefilm allgemein. Und da auch auf ganz tollen und mit guter Resonanz.

Zum Beispiel lief er in Sitges bei Barcelona, dem größten fantastischen Filmfestival in Europa. Er lief in Neuchatel, in Strasbourg. Toll war in Strasbourg, dass dieses Jahr Tobe Hooper, der Regisseur des Texas Chain Saw Massacre, in der Jury war. Obwohl ich nichts gewonnen habe, war es eine Riesenehre, dass solche Größen — in einem bestimmten Segment — in Berührung kommen mit dem, was man gemacht hat. Das war eine ganz tolle Erfahrung.

Zurück zur Berlinale. Die Kritiker waren ja durch die Bank begeistert…

Ja! Der Film ist ja jetzt auch nominiert für den Deutschen Filmkritikerpreis. Wobei ich… Es sind alles tolle Filme da nominiert. Ich freu mich, dass wir nominiert sind. Ich glaube, wir sind da eher so Außenseiter. Aber ich find das trotzdem super.

© Salzgeber

… und wie hat das Publikum bei der Berlinale reagiert?

Ich kann das bei der Berlinale am wenigsten von allen Festivals einschätzen. Das hat, glaube ich, damit zu tun, dass man selber so aufgeregt ist am Anfang. Natürlich gab es Applaus, und gerade bei der Premiere war der Applaus sehr überschwänglich. Das war ein positives Gefühl. Aber es gab keine wirkliche Fragerunde danach, nichts, wo sich bei mir eine Art von Gefühl hätte einstellen können, was angekommen ist und was das Publikum mitnimmt. Das war bei späteren Festivals viel einfacher, weil die zum Teil weniger groß sind. Die Berlinale ist eines der großen internationalen Festivals und entsprechend aufgeladen. Das macht den Dialog mit dem Publikum, ein tatsächliches Gespräch, einfacher.

Man ist aber auch bei einem Festival, und gerade bei der Berlinale, selber wie in einem Film. Man hat Termine, offizielle, irgendwelche Drinks irgendwo. Man ist sehr abgeschottet als Filmemacher vom normalen Publikum.

Und worum ging es auf den anderen Festivals im Publikumsgespräch?

Da wurde der Film vor allem wahrgenommen als regelwidrig, größenteils im positiven Sinne. Das sind Genrefestivals, und die Leute haben ein großes Wissen, wie so ein Film funktioniert, wie ein Horrorfilm, ein Thriller funktioniert. Und der Film bricht mit ein paar Erwartungen, was größtenteils sehr positiv aufgenommen wurde. Da ist diese homoerotische Komponente. Unser Held tut im Verlaufe des Films immer weniger, um seiner Aufgabe nachzukommen, nämlich den Unhold aufzuhalten. Das läuft einer normalen Spannungsdramaturgie zuwider. Das wurde positiv empfunden. Ich hab Leute getroffen auf Festivals, junge Frauen, die meinten, es habe sie zu Tränen gerührt, wie Jakob mit dem Samurai tanzt, weil das eine Art von gefühlter Befreiung war. Das kam bei ganz vielen an, den Film als persönliche Geschichte einer Befreiung zu lesen und die nachzuvollziehen.

Das ging ganz vielen so, das hat mich total gefreut. Ich bekomme permanent Facebook-Nachrichten von Leuten, die ich nie gesehen habe. Die haben auf irgendeinem Festival in der Welt den Film gesehen und beschreiben mir, was er für sie bedeutet, wie er sie berührt und bewegt hat. Das macht mich natürlich glücklich. Niemand würde schließlich behaupten, dies sei der gruseligste Horrorfilm aller Zeiten. Das ist auch nicht das, was der Film will.

Was hat der Film nach Berlinale und deutschem Kinostart noch vor sich?

In Frankreich wird es wohl einen Kinostart geben, aber ich weiß nicht wann. In UK gibt es einen Homevideo-Start, genauso wie in den USA und in Kanada. Und, der ist sogar schon raus, in Schweden ist der Film bereits auf DVD erschienen.

Warum ausgerechnet Schweden? Ich weiß nicht, vielleicht wegen der Band? Am Ende läuft ein Song von The Ark, einer Band, die wahnsinnig populär in Schweden ist — und in Deutschland eher unbekannt. Das war beim Festival in Lund lustig: Der Song ist in Schweden so populär, dass ihn eigentlich keiner mehr hören kann. Und so hat er für die Schweden eine besondere Art von Ironie reingebracht. Das kam besonders gut an.

Der Film hat auch etwas sehr Deutsches. Wie wurde das im Ausland wahrgenommen?

Durchaus als etwas Exotisches. Der spielt im Wald, der ist sehr deutsch. Auch dass er auf deutsch gedreht wurde, ist keinesfalls selbstverständlich. Tape_13 etwa wurde im Hinblick auf ein Genrepublikum auf englisch gedreht.

Das Deutsche wurde bei uns hingegen sehr positiv aufgenommen. Ich glaube auch, die Märchen — Grimms Märchen — sind überall in der Welt bekannt und hat doch einen exotischen Charakter. Bei uns erinnern die kleinen Häuschen, die Jägerzäune daran, und das kam supergut an, gerade auch weil der Film diese Kulissenhaftigkeit überbetont. Es hat alles etwas Modelleisenbahnhaftes, Kulissenhaftes, Setzkastenmäßiges. Und das wurde genauso wahrgenommen. In Rezensionen im Ausland wurde die märchenhafte Komponente, die Schauerromantik, so eine Art deutscher Ursuppe, gesehen. Find ich auch gut, das passt ja.

Waren das nur Horror- und Fantastikfestivals, oder wurde er auch bei Festivals für queere Filme gezeigt?

Ja, auch. Das ist die zweite Schiene. Der Film hat sich nach Berlinale recht schnell in zwei Nischen begeben. Das eine ist die Queer-Gay-Lesbian-, das andere die Horror-Fantastik-Ecke.

Ich war auf ein paar Queer-Festivals und habe festgestellt, es sind eher die abenteuerlustigeren Festivals, die den Film zeigen. Manchen fehlt wohl der ganz offensichtliche Bezug, es gibt ja keine offensichtlich keine politische Agenda. Der Film kämpft nicht für die Rechte der unterdrückten Minderheiten, auch wenn es natürlich ganz stark in unserem Helden brodelt.

Das kommt nicht bei allen so gut an. Sagen wir mal, manche verstehen den Humor nicht, der da ja auch drinsteckt. Aber andere Festivals, zum Beispiel das TLV Fest, das ich sehr schätze, da war ich auch schon mit einem anderen Film, einem Kurzfilm. Die haben den Film zum Beispiel als Abschlussfilm gespielt, und der kam auch sehr gut an.

Bei denen, die sich den Film anschauen sehe ich sehr viele Parallelen zu dem Fantastik-Publikum. Sie haben ein Bedürfnis nach einer gewissen, auch formalen … dass Filme Grenzen sprengen und bereit sind, sich über einen gewissen Status Quo hinwegzusetzen, über eine Art von Konsenswirklichkeit. Das wird auf beiden Seiten sehr goutiert. Ich sehe eher Schnittmengen als eine Kluft.

Der Film hatte knapp 2000 Zuschauer in den Kinos …

Ja, das ist verschwindend gering. Der lief unter “Ferner liefen”.

Ist das enttäuschend?

Ja, es ist natürlich… Die Frage ist aber, mit welchen Erwartungen man da rangeht. 2000 Leute sind immerhin 2000 Leute, die den Film gesehen haben. Ich werde mich darüber nicht beschweren. Es gab auch wenig Kinos, die den Film gespielt haben. Und wenn der Film nur auf wenigen Leinwänden läuft, werden auch die Zuschauerzahlen nicht bombastisch werden.

Ich hab nie damit gerechnet, dass der Film ein Hit wird. Natürlich enttäuscht das, aber ich hab wiederum ein tolles Jahr auf den ganzen Festivals gehabt und bin auf sehr gute Resonanz gestoßen. Allein durch die Festivalzuschauer haben wir ein sowas von Vielfaches von dem, was wir an deutschen Kinozuschauern hatten!

Wie gesagt, ich will mich nicht beklagen. Ich habe viele Leute getroffen und die Leute haben gesagt, sie würden einsteigen, wenn ich meinen nächsten Film auf englisch drehe.

Tatsache?

Ja, aber das muss man mit Vorsicht genießen. Man muss ja erstmal einen Stoff haben, der einen anspricht und den Kriterien entspricht.

Du hast mir vor dem Interview gesagt, Du arbeitest schon dran.

Woran ich arbeite, ist etwas anderes. Ich arbeite an einem TV-Serien-Stoff, den ich seit Ewigkeiten mit mir rumschleppe. Das ist auch etwas unheimlich, horrormäßig. Da geht es um einen Plattenbau und dessen Bewohner und einen anderen Bewohner — oder etwas — das ebenfalls in diesem Block lebt, aber ungesehen ist.

Eine Art Mystery- oder Horrorserie. Das entwickle ich eher frei, ich bin so in losem Gespräch mit einer Redakteurin, aber für mich ist es bislang gut, das noch als Spinnerei zu betrachten. Und an dem Punkt, wo man dann so weit ist, dass ich damit in die richtige Vorproduktion gehen könnte, da passiert dann vielleicht auch was. Das ist wieder etwas sehr Deutsches. Es spielt am Rand von ostdeutschen Städten, die mir wiederum sehr bekannt vorkommen. Da gibt es kaum Möglichkeiten, das international zu machen. Wenn es gut oder interessant genug ist, dann findet es vielleicht auch international ein Publikum. Aber das kann man vorher nicht festlegen.

Wie blickst Du jetzt auf den Samurai?

Der Film ist in gewisser Weise fertig. Ich merke das etwa, wenn ich die Facebook-Seite aktualisiere, mir fällt nichts mehr ein. Das letzte Jahr war gut, aber mir fällt nichts mehr ein. Obwohl ja noch wahnsinnig viel kommt, also die Homevideo-Releases, und ich fahre auch nochmal zu Festivals, etwa dem in Belgrad.

Da freue ich mich total drauf, gerade wegen dieser Plattenbau-Geschichte. Ganz Belgrad quasi, Novi Beograd ist ja, das ist ja quasi wie Halle-Neustadt aus dem Nichts gebaut worden und ich hab Fotos im Internet gesehen. Ich freue mich so, einfach mal da zu sein. Wie gesagt: Das ist schon wieder etwas weg vom Samurai.

Auch zur Berlinale: Ich helfe gerade einem anderen dffb-Film: Petting Zoo. Der wird im Panorama laufen, ein ganz wunderschöner Film. Noch ist da aber viel im Argen, alles muss fertig werden.

Das Filmemachen ist als Tätigkeit unglaublich vielfältig. Was gefällt Dir am besten?

Ich bin ein einzelgängerischer Typ. Beim Filmemachen macht mir auch der Schnitt am allermeisten Spaß. Ich bin gerade in so einer Phase, nach dem ganzen Tohuwabohu mit den vielen Leuten, was ja auch toll ist. Aber das Ding, einfach nur da zu sein mit allem Material und alles ausprobieren zu können, alles machen zu können, ohne Druck, dass die Sonne aufgehen könnte… So lange an etwas zu feilen, bis es einem passt, das schätze ich unglaublich. Da bin ich schon etwas zwanghaft. Das Vorneweg, das Schreiben und so weiter, und das Hinterher, die Postproduktion und der Schnitt, gefallen mir wahnsinnig gut. Das sind ja sehr eigenbrötlerische Aspekte des Filmschaffens.

Apropos viele Leute: Wie groß war das „Samurai“-Team damals?

Riesig für unsere Verhältnisse! Ich glaube, so 30 bis 40 Mann waren es im Schnitt am Set. Das ist schon im Vergleich zu Studentenfilmen, die ich vorher gemacht habe, das wird größer. Es baut aber auch einen gewissen Druck auf. Einerseits schafft man Sachen, sie man sonst nie geschafft hätte — zum Beispiel Nachtdrehs in großer Geschwindigkeit. Man hat aber auch mehr Verantwortung, zu schaffen und nicht zu zweifeln, ob das alles so richtig ist.

Wie lange habt Ihr gedreht?

Wir hatten 28 Drehtage, davon waren die allermeisten Nachtdrehs. Und es war fast alles On-Location. Im Studio waren nur das Zimmer vom Samurai und das Zimmer von Jakob gebaut. Auch die Innendrehs haben wir in Zühlsdorf, in einem Gemeindehaus, gemacht. Wir waren fast die ganze Zeit draußen auf dem Land.

Da lernt man Sachen übers Filmdrehen: Unterkünfte sind wichtig, gute Unterkünfte! Wir hatten leider am Anfang eine nicht ganz optimale Unterkunft. Das war ein Nebengelass von einem Schloss, das gerade renoviert wurde, und wir dachten: Abenteuer, yeah! Da haben wir Feldbetten reingestellt und einen Duschcontainer vor die Tür. Aber das hat irgendwie… Wir werden ja nicht jünger, und auch die Leute, mit denen wir gedreht haben, nicht! Der Dreh ging einen Monat und nicht nur fünf Tage, und wir mussten sehen, wie lange wir die Zustände sich und dem Team zumuten können. Deswegen haben wir nach einer Woche gewechselt.

Wichtig ist übrigens auch das Catering; das war zum Glück super. Ein Zehntel des Budgets ging ins Catering, und genau so sollte man es machen. Gerade bei Low-Budget-Filmen. Man kann vieles, was den Film ausmacht, irgendwie hinbekommen, ohne viel bezahlen zu müssen, wenn man Leute begeistert und überzeugt. Aber wenn man will, dass Leute diese Begeisterung entwickeln, dann sollte man sie wenigstens ordentlich verpflegen! Und unser Catering war ganz toll. Das ist ab jetzt meine Priorität.

Wenn Ihr vier Wochen auf dem Land seid, werdet Ihr dann Teil des Dorflebens?

Dadurch, dass wir nachts immer gedreht haben, wenn der Großteil des Dorfes schläft, fand nicht so eine wahnsinnig große Verbindung statt. Aber natürlich gab es viele Motivgeber vor Ort, mit denen man auch ein freundschaftliches Verhältnis hat. Es gab auch Komparsen, die aus der Region gecastet sind. Man versucht, sich ordentlich zu benehmen. Man möchte ja keine verbrannte Erde hinterlassen.

Das ist manchmal schwer. Wir haben sozusagen wider Willen an einem Ort verbrannte Erde — im wahrsten Sinne des Wortes — hinterlassen. Da, wo dieses Feuer auf dem Dorfplatz brennt, das haben wird extra gemacht, um nicht bleibende Schäden auf dem Rasen zu hinterlassen. Eine dumme Idee. Da gab es eine Betonfläche, die wie eine Bühne ist, und auf der hatten wir das Feuer an. Das war aber so heiß, dass die Betonplatte gesprungen ist. Das haben wir dann von unserem Budget neu ausgießen lassen. Das gehört aber auch dazu. Wenn man es verkackt, dann muss man bereits und in der Lage sein, dafür einzustehen. Sonst haben wir aber keine Feinde gewonnen.

Im vergangenen Jahr hast Du mir gesagt, dass Ihr den Film mit den Leuten vor Ort gesehen habt.

Wir haben alle, die uns geholfen haben, zur Team-Premiere eingeladen. Es waren auch einige da, und denen hat der Film auch, soweit ich das verstanden habe, gefallen. Der Film ist ja auch eine überhöhte Darstellung von so einem Ort, und ich glaube, niemand fühlte sich auf den Schlips getreten. Allen war klar, dass das hier Fiktion ist. Und wie gesagt: Bei vielen gab es eine gewisse Lust, sich in eine Fiktion zu begeben, in der alles zerstört, einen Kopf kürzer gemacht wird. Obwohl man selbst da lebt, gibt es eine Fantasie, manchmal eine Ausbruchsfantasie, alles kaputt zu schlagen, alles hinter sich zu lassen. Das fanden viele lustig.

Gibt es da mehr Jakobs, als man denkt?

Ja, auf jeden Fall. Wenn wir Leute gefragt haben, ob wir drehen können, und dann den Film gepitcht haben, also, dass es um einen Mann in Frauenkleidern geht, der durch die Vorgärten wütet und alles kurz und klein schlägt, das fanden alle erstmal lustig und spannend. Das hat nicht abgeschreckt. Im Gegenteil: Es hat die Leute auf unsere Seite gebracht. Keine Ahnung, was das ist. Vielleicht so ein verstecktes Bedürfnis. Man kann den Leuten unbedingt sowas zumuten.

Das sind aber auch von den Ängsten des Städters geprägte Bilder. Ich möchte, dass das so verstanden wird. Dass die Leute vor Ort wissen: Das hat nichts wirklich mit uns zu tun. Oder: Wir können selber entscheiden, wieviel das mit uns zu tun hat. Wir werden nicht in die Pfanne gehauen. Ich bin sowieso total gern da, im Berliner Umland, das wissen die meisten. Die haben Humor, man sollte die nicht unterschätzen.

Das sind Orte, die Du schon vorher kanntest?

Genau, mein Großvater hat in Birkenwerder gelebt, und etwas nördlich haben wir gedreht. Die Region kenne ich von Wochenendbesuchen sehr gut, die riesigen Wälder. Ich fand auch sehr schön, dass wir im Briesetal gedreht haben, wo ich oft mit meinem Vater spazieren war. Das hat für mich diese merkwürdige… Es gibt eine bedrückende Menschenleere vor Ort, und die Häuser haben so etwas. Dieser graue Kratzputz, alles ist etwas geduckt, die Wälder… Zumindest für das Kind, das ich war, erstrecken die sich unglaublich weit. Das hat etwas Geheimnisvolles, Dunkles, das man in dem Film wiederfindet.

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