Besuch in der Halbwelt

Ein Theaterstück zu inszenieren, das kostet Energie, Geld und viel Zeit. Wie kann das ohne Förderung funktionieren? Vor anderthalb Jahren habe ich Katarzyna Noga besucht, die damals am TIK Nord in Friedrichshain Philip K. Dicks „Ubik“ auf die Bühne brachte. Der Text ist also nicht ganz aktuell. Katarzynas Bühne steht mittlerweile in Essen, wo sie für „Finnisch“ gefeiert wurde und derzeit „Ich rufe meine Brüder“ inszeniert. Premiere ist am 26. April — fast auf den Tag genau zwei Jahre nach der „Ubik“-Premiere.

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Nico Birnbaum, Felix Schaefer und Lisa Maria Bauer (v.l.)

Plötzlich ist es geschafft: Minutenlang applaudiert das Publikum im heißen, stickigen und rappelvollen Theaterraum hinter der Bar des Tik Nord in Berlin-Friedrichshain. Die Schauspieler Nico Birnbaum, Lena Milde, Felix Schaefer und Vera Schmidt verbeugen sich tief, einige lachen breit und rufen die Regisseurin Katarzyna Noga auf die Bühne. Es ist die vorerst letzte von nur vier Vorstellungen ihrer „Ubik“-Inszenierung gewesen. Doch Noga lässt sich heute umsonst bitten.

„Die Schauspieler funkeln und spielen großartige Szenen“, lobte die Regisseurin schon Wochen vor der Premiere abseits einer Probe. Die Vorbereitungszeit war zur Hälfte vorüber und die junge Theaterschaffende enthusiastisch. Im Gespräch wechselte sie jedoch schnell ins Theoretische. In „Ubik“ nach dem Science-Fiction-Roman von Philip K. Dick gebe es zwei Wirklichkeiten, erklärte sie, die Realität und das Halbleben. „Die von der Realität abgetrennte Seite birgt eine andere Logik. Sie ist traumhafter und absurder. Dinge müssen nicht schlüssig sein.“ Im Grunde sei das nicht anders, als Theater zu machen. „Denn wenn das Theater etwas behauptet, dann existiert es. In ‚Ubik‘ wird Theater an sich behandelt.“

Berlin schmückt sich mit seiner Off-Szene — aber wie ist es, wenn man mittendrin steckt?

Halbleben ist ein gutes Stichwort. „Ubik“ kann als Musterbeispiel für zahlreiche Produktionen in der Freien Theaterszene gelten, eine Szene, in der ebenfalls andere Regeln gelten. Jenseits der vier großen Stadt- und Staatstheater gibt es in Berlin, so schätzt der Senat, 250 bis 300 Theater- und Tanzgruppen, die professionell, innovativ und gut vernetzt arbeiten. Allein der Hauptstadtkulturfonds hat im vergangenen Jahr ungefähr drei Millionen Euro für Theaterprojekte der Freien Szene ausgegeben. Berlins Off-Bereich gehört zu den profiliertesten der Welt. Die Stadt schmückt sich mit ihm. Doch er wächst auch schnell, und die Fördertöpfe bleiben gleich groß. Wie ist es also, wenn man selbst mittendrin steckt?

DSC_0053Katarzyna Noga kennt beide Seiten. Vor „Ubik“ hatte sie bereits Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ – ebenfalls im Tik – inszeniert, während des Studiums arbeitete sie als Regiehospitantin und -assistentin, später als Abendspielleiterin im Deutschen Theater. Sie mag, dass man sich in der Freien Szene „ganz anders ausprobieren und Formen finden kann, vor denen das Stadttheater vielleicht Angst hätte“. Dennoch: Ziel bleibt ein staatliches Haus. Das liegt zwar auch am Geld, viel mehr jedoch an den Arbeitsbedingungen. „Wir, das heißt meine Dramaturgin Lisa Maria Bauer und ich, machen ja im Moment alles: Technik, Licht, Bühne. Ich bin immer ein bis zwei Stunden vor den Schauspielern bei der Probe. Da muss man mit Leidenschaft dabei sein.“

Eigentlich ist sie kaum zu bremsen, wenn es ums Theater geht. Auf die Frage, ob sie jemals davon leben konnte, zögert sie aber. „Nein, Geld verdienen ist eine Klasse für sich.“ Sicher habe es schon Engagements gegeben, von denen sie vorübergehend leben konnte, als Regieassistentin am Deutschen Theater zum Beispiel. Doch über längere Zeit hält ein Job im Museum sie über Wasser. „Man kann schon sagen, dass ich das Theater im Moment in meiner Freizeit mache. Es ist aber kein Hobby.“

In die KSK kommt nur, wer mit Kunst auch Geld verdient

Wie ihr geht es vielen. Die Künstlersozialkasse (KSK), die neben Theaterschaffenden auch andere freie Künstler und Journalisten aufnimmt, hat derzeit 180.000 Mitglieder. Die Zahl hat sich in den vergangenen 20 Jahren fast verfünffacht. Gut 22.000 Mitglieder der KSK kommen aus dem Bereich Darstellende Kunst. Katarzyna Noga und Dramaturgin Lisa Maria Bauer gehören nicht dazu, weil sie ihr Geld noch nicht in erster Linie mit der Kunst verdienen. Sie gelten als Laien.

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Nico Birnbaum und Lena Milde

Die Künstlervermittlung der Arbeitsagentur führt sie ebenfalls nicht in ihren Akten. Es würde auch nicht viel bringen: 2011 wurden die insgesamt 72.000 arbeitssuchenden und arbeitslosen Künstler in 58.000 Stellen vermittelt. Nicht einmal sechs Prozent der Engagements dauerten mehr als sieben Tage.

Schon vor mehr als fünf Jahren hat die Zeitschrift „Theater heute“ in einer großen Reportage die Entstehung eines „Theaterprekariats“ beschrieben. Damals wurde darauf verwiesen, dass „an Stadttheatern ‚nur‘ schlecht bezahlt wird, während die Freie Szene völlig dereguliert ist“. In der Zwischenzeit hat die Bundesregierung die Mittel der staatlichen Künstlervermittlung gekürzt. 2007 wurde die Hälfte der Stellen gestrichen. In der Folge brach die Zahl der Vermittlungen von fast 90.000 auf knapp 60.000 ein. Während zuvor 90 Prozent der Gemeldeten unterkamen, sind es nun 70 Prozent. Sicher, Theater zu schaffen, ist immer riskant gewesen und brachte nie viel Geld. Selbst Shakespeare musste sich und seiner Truppe einen Patron suchen, bevor sie mit dem Globe Theatre zu Geld kamen. Katarzyna Noga sieht die Probleme auch eher woanders: „Das Fördergeld geht immer an die namhaften Off-Gruppen und -Theater, und dann geht’s auch gleich um Zehntausende. Es ist gut, dass die ihr Geld bekommen, ich mag ihre Arbeit. Doch wo ist die unterstützende Hand für Neustarter? Da reichen ja schon kleinere Beträge.“

„Das hat mit mir zu tun! Das bin ich!“

Etwa 500 Euro habe die „Ubik“-Inszenierung gekostet. Die Schauspieler konnten nicht bezahlt werden, einzig die Einnahmen aus Kartenverkäufen gingen an sie.  Noga und Bauer gehen leer aus. „Es ist völlig richtig, dass die sich nach der Vorstellung ein Bier an der Bar leisten können. Die haben sich die Seele aus dem Leib gespielt“, findet die Regisseurin.

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Katarzyna Noga

Warum also tut man sich das an? „Theater ist kein Job. Ich mach’ das nicht, um reich zu werden. Es ist eine Leidenschaft: Das hat mit mir zu tun. Das bin ich!“, erklärt Katarzyna Noga. „Und es war von vornherein klar, dass es etwas dauert, bis ich davon leben kann. Die Zeit muss ich mir eben nehmen.“

Nun, sie hat sich die Zeit genommen. Als sie nach der Vorstellung von „Ubik“ nicht auf die Bühne kommt, ist sie gedanklich wohl schon viel weiter. Von diesem Sommer an übernimmt Katarzyna Noga eine Regieassistenz am Schauspiel Essen. Die ist zwar befristet, aber vernünftig bezahlt. Und die Stelle ermöglicht es ihr, sich ungestört, professionell und ohne Zwangsunterbrechungen mit Theater zu beschäftigen. Ihre Schauspieler suchen weiter.

Der Text erschien am 29. Juni 2013 in der Märkischen Oderzeitung.

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