Platt wie ein Berg

Ehrlich gesagt: Das Beste an Jette Steckels „Das weite Land“ im Deutschen Theater (Premiere: 12. Dezember 2014) war vielleicht die Premierenfeier. Das Massaker, das anschließend in den deutschsprachigen Feuilletons stattfand, war dann aber doch etwas viel. Für die MOZ habe ich Folgendes aufgeschrieben:

Bedrohlich und verführerisch zugleich ragt ein Berg aus schwarzen Sofas auf der Drehbühne des Deutschen Theaters in die Höhe. Mehr als sieben Meter erhebt sich das kubistische Massiv. Nicht nur deswegen ist das Bühnenbild von Florian Löschedas prägende Element in Jette Steckels Inszenierung von „Das weite Land“, die am Freitag ihre Premiere feierte.

Zu einem Schnitzler-Drama Sofas auf die Bühne zu türmen, liegt nahe. Natürlich geht es bei dem Österreicher um Plaudereien und Seelenzergliederung. Dass Schnitzler mit Sigmund Freud korrespondierte und in seinen Stücken selbst zielsicher die menschliche Seele analysierte, ist hinreichend bekannt. In „Das weite Land“ geht es nun konkret um das Innenleben des Ehepaars Hofreiter.

Friedrich ist in der Firma so erfolgreich wie im Bett. Die Affäre mit Adele hat der Unternehmer zwar beendet. Doch die nächste lässt nicht lange auf sich warten. Die junge Erna steht bereit, und als die beiden gemeinsam einen gefährlichen – Achtung! – Berggipfel erklommen haben, ist’s auch schon geschehen. Friedrichs Frau Genia weiß von alldem. Sie selbst hat den Aufwartungen eines jungen Pianisten lange widerstanden – zu lange, denn der Musiker hat ihretwegen den Tod gewählt. Und eben das wurmt Friedrich: Während er bedenkenlos die Ehe bricht, bleibt seine Frau wie eine Heilige zu Hause und ihm treu. Andersrum ist es ihm aber auch nicht recht. Als Genia später mit einem Fähnrich anbandelt, zeigt er zwar Verständnis für sie, fordert den jungen Liebhaber aber zum Duell. „Mann will doch nicht der Hopf sein.“

Das Ganze inszeniert Jette Steckel mit der ersten Garde der DT-Schauspieler. Felix Goeser gibt den Friedrich vielleicht etwas zu ölig, und Maren Eggerts Genia weiß auch nicht recht, wie sie aus der bereits von Schnitzler angelegten Heimchen-Rolle ausbrechen soll. Spaß bringt aber der Blick auf die Nebenrollen. Ulrich Matthes verleiht dem Hausfreund Mauer eine herrliche Lakonie und Ungeduld, Almut Zilcher spielt eine alternde Schauspielerin mit großer Präsenz und feiner Ironie, und Anna Drexler verleiht der Erna eine Quirligkeit, an der man sich kaum sattsehen kann. Selbst Natali Seelig als Adele schlägt sich bestens. Seelig war nur zwei Tage vor der Premiere für Katrin Klein eingesprungen, die sich während der Proben bei einem Sturz vom Sofaberg verletzt hatte. Das ganze Ensemble vermag es auch, Schnitzlers Worte ins Heute zu holen. Es heißt zwar noch „Küss die Hand“, aber die Sätze kommen lässig und galant oder – vor allem in intimeren Gesprächen – zögernd und gestammelt, als wären sie gerade eben ausgedacht und nicht 1911 aufgeschrieben worden. Das gelingt sogar Seelig, die mit Text in der Hand spielt. Da lässt sich auch über die Mikroports, offenbar ein Eingeständnis an den schallschluckenden Sofaturm, hinwegblicken.

Abgesehen von der Kunst ihrer Schauspieler gelingt es Jette Steckel jedoch kaum, das Stück ins Jetzt zu holen. Zwar bemüht sie sich, die Frauen auf Augenhöhe zu heben. Am Schluss definieren sich alle weiblichen Figuren aber doch immer über einen Mann: mal ist es der Sohn, mal der Gatte, und weder iPod noch Seidenbluse können das kaschieren. Sicherlich gibt es heute noch immer Paarbeziehungen, die so funktionieren. Es ist jedoch nicht besonders interessant, dabei zuzusehen, wie diese auf der Bühne verhandelt werden. Auch die Männer kommen nicht besser weg. Ein Duell ist im 21. Jahrhundert nun einmal ein Anachronismus. Heutig ist diese Inszenierung nur, wo es bereits Schnitzlers Drama war.

Darüber täuscht auch Steckels Einsatz von Musik nicht hinweg. Zwischen einzelne Szenen packt die Regisseurin eine Reihe von Songs. Anfangs ist es das Wagners Vorspiel zu „Tristan und Isolde“, das Lars von Trier kürzlich zum Leitmotiv seines Films „Melancholia“ gemacht hat und das deshalb unweigerlich – und leider ohne Sinn – auf den Film verweist. Später dann lässt sie Musik von Nick Cave und P.J. Harvey einspielen, mal um Atmosphäre zu schaffen, mal um die Handlung noch einmal auszuerklären – stets aber den Eindruck von Willkür hinterlassend, ganz so, als hätte jemand mal schnell seinen iPod angestöpselt, ohne vorzusortieren.

Und so kommt Schnitzlers Gesellschaftsanalyse bei Jette Steckel nicht im 21. Jahrhundert an. „Das weite Land“ ist hier keine aktualisierte Version des Dramas. Es ist eine dreistündige, moderne Illustration der Gesellschaft von vor 100 Jahren. Ganz wie der Sofaturm geht die Inszenierung dabei zwar mitunter recht unzweideutig vor, ist im Großen und Ganzen aber schön anzusehen. Und das ist ja auch was.

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