Geld arbeitet nicht

Wo ist die Wut, wenn man sie mal braucht? Im September 2013 läuft die Finanzkrise bereits seit mindestens vier Jahren; die schrecklichen Konsequenzen sind nicht mehr zu übersehen. Elfriede Jelinek hat das schon 2009 weitsichtig erkannt und in „Die Kontrakte des Kaufmanns“ dramatisiert. Regisseur Boris von Poser, dessen Inszenierung am 31. August 2013 Neuhardenberger Premiere feierte, nimmt dem Stück seinen Zorn. Geklatscht und gelacht wird an den vorgesehenen Stellen.

Heute vor einer Woche hat die Polizei in Zürich die Leiche von Pierre Wauthier gefunden. Der Finanzchef der Zurich Versicherung hat sich umgebracht. Wie es heißt, soll er sich von seinem Chef Josef Ackermann unter Druck gesetzt gefühlt haben. Wenn das stimmt, ist Wauthier ein weiteres Opfer der Finanzwirtschaft, einer Wirtschaft, deren Mechanismen die Dramatikerin Elfriede Jelinek schon 2009 derart zornig gemacht haben, dass sie „Die Kontrakte des Kaufmanns“ schrieb. Am Sonnabend war die „Wirtschaftskomödie“ erstmals in Neuhardenberg zu sehen.

Regisseur Boris von Poser inszeniert „Die Kontrakte des Kaufmanns“ mit fünf Schauspielern. Wer hier wen spielt, bleibt ganz im Sinne Jelineks offen. Auf der einen Seite sprechen Kleinanleger, die um ihr Geld gebracht wurden, auf der anderen die „Gesellschaft“ – und damit sind nicht wir alle gemeint, sondern eine Finanzgesellschaft. Jeder Schauspieler kann hier jeden Text aufsagen, darauf kommt es sowieso nicht an. Denn es sind weder konkrete Personen, die sich artikulieren, noch bestimmte Institutionen. Es spricht das System. Hoch assoziativ entlarvt Jelinek in ihrem Text dieses System und zeigt, dass es letztlich aus nichts weiter besteht als Symbolen und Metaphern, hinter denen sich die Mechanismen, über die sich die Österreicherin empört, prima verstecken lassen. Ein Aktienkurs steigt? Unsinn, der Kurs bleibt wo er ist; er verändert sich höchstens. Ihr Geld arbeitet für Sie? Nein, die Arbeit machen immer noch Menschen, und zwar andere.

Während der reine Fließtext – es sind gut 150 Seiten mit wenigen Regieanweisungen und ohne Absätze – sperrig daherkommt, bringt von Poser ihn leichtfüßig auf die Bühne. Sein Dramaturg Gerhard Ahrens bleibt nah an der Vorlage und hat sie doch gekonnt eingekürzt und ganze Gedankenstränge gestrichen, ohne dass es Brüche gibt. Am Ende ist das Stück ziemlich genau 90 Minuten lang. Vier der fünf Schauspieler treten in Anzügen aus graubraunem Leinen auf; die fünfte, Angela Schmid, als engelsgleiche Gestalt im langen türkisfarbenen Kleid. Sie alle machen ihre Sache gut, sind präsent und wissen, mit dem Publikum zu spielen. Allen voran gelingt das Schmid, die bar jeder Rührung den Kleinanlegern klar macht, dass sie jetzt so gar nichts mehr haben und also auch nichts mehr sind. Auch die anderen punkten: Boris Aljinovic weiß, den ganzen Zynismus des Stücks in ein einziges diabolisches Lachen zu kleiden. Ursula Reiter verfällt ab und zu ins Wienerische und verweist so auf die Autorin. Andreas Nickl und Tillbert Strahl-Schäfer geben die Kleinanleger so, als könnten sie tatsächlich kein Wässerchen trüben. Dabei waren auch sie zuvor nur von ihrer Gier getrieben.

Unterstützt wird diese Leichtfüßigkeit durch die Bühne: Auf einer Pyramide aus drei Etagen sind in Neonfarben mal EKG-Kurven zu sehen, die auch Aktienkurse sein könnten, mal ein Pong-Spiel und mal eine Karte der Welt. Die Zuschauer spiegeln sich in den Seitenwänden. Kein Zweifel, dass sie bei den Wortsalven der fünf Schauspieler zu jeder Zeit mitgemeint sind. Viele Gäste nicken dann auch zustimmend und lachen an den dafür vorgesehenen Stellen. Und auch wenn es unter ihnen bestimmt so einige gibt, die ihr Geld für sich arbeiten lassen, wird am Ende mehr als nur brav geklatscht. Die Schauspieler werden mehrfach zurück auf die Bühne geholt, um sich zu verbeugen.

Darin steckt jedoch auch schon die Crux des Stückes. Der tote Finanzmanager Wauthier ist nämlich nicht das einzige Opfer der kranken Finanzwirtschaft, gegen die Jelinek wettert. In Griechenland haben sich seit Ausbruch der Krise Hunderte Menschen umgebracht, nicht nur Kleinanleger, sondern auch Kleinunternehmer, Eltern und Kinder, die ihre Familien nicht mehr belasten wollen. In ganz Europa sind Millionen junger Menschen arbeitslos; nicht, weil sie schlecht ausgebildet sind, sondern weil das System keinen Platz hat, um bestausgebildeten Nachwuchs zu beschäftigen und vor allem zu bezahlen. In deutschen Städten sind immer mehr Pfandsammler zu sehen. Ganz zu schweigen von all den Familien nebenan, deren Ersparnisse mir nichts dir nichts einfach verschwunden sind. Klar, ihr Geld ist nicht weg, es ist nur woanders. Im Angesicht existentieller Nöte tröstet das jedoch nicht.

Daraus speist sich Elfriede Jelineks Empörung und Wut, doch davon ist in Neuhardenberg nicht viel übrig geblieben. Wenn das Stück seinen Höhepunkt erreicht, als Aljinovic lediglich das Pappmodell eines Einfamilienhauses zertrümmert, dann ist das schwach. Andere Regisseure, wie Nicolas Stemann im Hamburger Thalia Theater, haben aus dem Text mehr herausgeholt, auch wenn sie sich weiter von ihm entfernt haben. Boris von Poser inszeniert „Die Kontrakte des Kaufmanns“ dramaturgisch und schauspielerisch gelungen. Bühne, Licht und Musik stimmen. Und nah am kunstvollen Text bleibt die Aufführung auch. Dennoch wird das Stück in seinen Händen brav, ja fast schon gefällig. Denn das Wichtigste ist ihm auf der Strecke geblieben: der Zorn.

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